(roj) Nach dem hervorragenden Debüt "Zwischen den Mahlzeiten" bescheren uns Geschmeido mit "Same Same" ein weiteres überzeugendes Album, dessen mysteriöser Name u.a. daher rührt, dass Verkäufer bei orientalischen Märkten gerne mit diesen Worten auf die Frage antworten, ob die feilgebotene Uhr wirklich eine Rolex sei, will heißen: das gleiche, aber doch irgendwie anders. Dies lässt sich auch auf die neue Musik Geschmeidos beziehen. Auffällig ist diesmal die weniger rockige Ausrichtung des Werks, oder um mit zweien ihrer Einflüsse zu sprechen: weniger Pavement, mehr Sea And Cake. Dennoch klingt es unverkennbar nach Geschmeido, nicht zuletzt durch den äußerst angenehmen Gesang Philippe Froweins und dem Gitarrenspiel der Frowein-Brüder. Zudem ist es der Band gelungen, den hohen Standard der Arrangements auf der letzten Platte beizubehalten, obwohl Tobias Levin diesmal nicht zur Verfügung stand und Geschmeido sich selbst um die Produktion gekümmert haben. Philippe und Bassist Stefan Schlachter nahmen sich für B-Side Zeit, um jeden Song der neuen Platte zu kommentieren.
1. Das Geld singt unsere Lieder Einer der besten Songs des Albums mit gutem Groove und eingängigem Refrain. Philippe: "Da geht es darum, dass es zwei Wege gibt, um als Band zu überleben. Entweder zieht man konsequent seine Sache durch und schreibt seine Lieder, oder man verzichtet auf das Schöne, was man sich aufbauen möchte, und passt sich an. Wenn man dann Erfolg und Geld hat, braucht man die Lieder nicht mehr, was aber auch widerlegt ist, wenn gesagt wird: "Wenn du aufschreckst aus dem Schlaf und dann ein Lied brauchst sing ich." Die Textstelle, in der im Wagen hinter einem jemand Bob Dylan hört und man selbst auf Radio umschaltet, wo irgendwas mit Fun läuft nach dem Motto "Wir scheißen auf Bob Dylan, fahren in die Sonne und holen uns das Geld", ist natürlich selbstironisch gemeint, da wir das nicht hinkriegen."
2. Hände weg von dir Mit einem wunderschönen Arrangement, das Gänsehaut erzeugt, versehen, ist dieses Stück der erste Höhepunkt. Auch der Band wurde bei der Aufnahme bewusst, dass ihnen da etwas Besonderes gelungen ist. Thematisch knüpft der Song an den Opener an. Philippe: "Es handelt davon, Leuten etwas zu gönnen, die nicht erfolgreich sind, aber in meinen Augen sehr gute Sachen machen." Für den Schlussteil konnte ein Gastmusiker verpflichtet werden. Philippe: "Da haben wir Benedikt Reisig, ein bedeutender Saxophonist, der unbedingt berühmt werden soll, aus Dresden eingeflogen, nein, wir haben eine Bahncard gezahlt. Das Solo hat uns also 200 DM gekostet und die Verpflegung, und übernachtet hat er auch bei uns."
3. Rivella Sehr ruhiges Instrumental, bei dem sich zwei Gitarrenmelodien auf raffinierte Weise verzahnen. Philippe: "Da kann man sich dann als Hörer entscheiden, welcher Melodie man folgen will. Die Herangehensweise bei diesem Stück war wie bei elektronischer Musik, wo die einzelnen Teile am Ende alle zusammen kommen, aber eben doch mit Saiteninstrumenten gespielt."
4. Knochen allein Äußerst eingängiger, rhythmus-betonter Song, der passend zum Inhalt zum Tanzen animiert. Der sehr abstrakt wirkende Text erhellt sich nach Philippes Erläuterung: "Das wurde relativ flugs nach einem Discobesuch in Stuttgart geschrieben. Da hab ich mich kurzzeitig mal verliebt. Alles kam zusammen: die Liebe, sich gegenseitig zu beobachten, Housemusik und dass man trotzdem allein ist unter so vielen Menschen. Der Refrain ("Wir sind sie mit uns dran/Wir sind Knochen allein.") ist eine Art Halluzinationstext von mir, da habe ich mich gehen lassen." Das Stück enthält eine Coda, in der Philippe auf dem Klavier improvisiert: "Das Lied lebt von der Aufnahmeweise, da wir viel Zeit hatten, uns alles zu überlegen."
5. Peinlichkeiten Beim ersten Hören eher belanglos wirkender Track, der sich überraschenderweise schon bald zu einem Ohrwurm entwickelt. Vor allem das vermeintlich unspektakuläre Gitarrenmotiv setzt sich - dank der hartnäckigen Wiederholung im Mittelteil - in den Gehörgängen fest. Enthält die Zeile "Die Pentatonik rauf und runter/Dur statt Moll, sonst geht man unter", die sich auch auf Philippes Leben als Gitarrist bezieht. Ansonsten geht es textlich darum, dass er es gern hat, wenn die Menschen um ihn herum nicht allzu perfekt sind, sondern ihnen auch mal Peinliches unterläuft.
6. Nachts um 2 Sehr ruhiger, atmosphärischer Song, der auf einem Erlebnis basiert, das Philippe hatte, als er um 2 Uhr morgens als Beifahrer im Ruhrgebiet aufgrund von Müdigkeitserscheinungen nicht mehr ganz bei sich war und die angestochenen Hochöfen mit der aufgehenden Sonne verwechselte. Der Refrain besteht aus einer eingedeutschten Textzeile aus Televisions "Marquee Moon". Das Stück beginnt mit den Worten "I remember damals". Die Polyglottismen scheinen ein Markenzeichen der Band zu werden. Philippe: "Das ist eine Schwäche von mir. Ich hätte auch mit "Ich erinnere mich damals" anfangen können, aber der Anfang eines Liedes ist einfach super mit "I remember", weil das ein Satz ist, der schon von anderen Gruppen häufig benutzt wurde. "It's a perfect day to say the word" (aus "Hände weg von dir") ist einfach das Banalste, was es gibt." Stefan: "Das sagt ja nicht die erste, sondern eine zweite Person im Text." Philippe: "Und bei "La Propulsion" sollte das Französische im Hintergrund eher wie ein Bläsersatz wirken."
7. La Propulsion Wäre dank des mitreißenden Rhythmus und einer sehr entspannten Harmonika-Melodie eine potentielle Single. Philippe: "Das ist inspiriert durch den Gedanken, auch Dinge sorgsam zu behandeln. In einem französischen Dokumentarfilm erzählte ein Schiffsschraubenfabrikant davon, dass jede Schiffsschraube ihren eigenen Klang hat, wenn man dagegen schlägt. Das ist ein ganz anderer Blickwinkel, denn unsereins würde ja eher denken: Ist das eine schnelle oder eine langsame Schraube?" Diese Gedanken finden sich im französischen Teil des Songs wieder. Im deutschen Teil überträgt Philippe sie auf ein Lied an sich.
8. Nur ein Wort Überraschend simpler Song, der als einziger live eingespielt wurde, ohne dass noch viel daran gebastelt wurde. Gegen Anfang erinnert die Musik stark an Spandau Ballet. Philippe: "Ja, das ist auch ein bisschen einfühlsam." Stefan: "Da hätten wir wohl noch 300 m mehr Hall drauf machen können."
9. Ich an deiner Stelle Ein weiteres Meisterstück und auch Stefans Favorit des Albums. Ist das amerikanischste Lied der Platte mit Country-Einflüssen und wartet gleich zu Beginn mit einem episch anmutenden Gitarrenriff auf. Philippe: "Es hat ein bisschen Lagerfeuer-Atmosphäre mit Akustik-Gitarre und geht in Richtung Neil Young. Man braucht halt Zeit für das Lied." Enthält außerdem die grandiose Textzeile "Sie wollen dich nur fressen/Mach dich nicht schmackhaft", die an den Tenor der ersten Songs anknüpft. Philippe: "Eine Art Selbstbeschwichtigung. Man muss dem treu bleiben, was man angefangen hat und sich selbst auf die Schulter klopfen."
10. Windows Einziges Lied, auf dem so richtig losgerockt wird, wie man das von früheren Geschmeido-Stücken wie "1000 Mark" gewohnt ist. Philippe: "Das sollte einfach noch mal sagen, wo wir herkommen - mit den zwei Gitarren, die wie bei Televisions "Marquee Moon" gegeneinander arbeiten, obwohl es natürlich kein Zweikampf zwischen Franz und mir ist. Was die Platte insgesamt angeht, ist es für mich irgendwann eine Sackgasse gewesen, wie damals zu rocken und zu scheppern. Das Gefühl, das ich hatte, als ich diese Lieder schrieb, war nicht eins, das jemandem an den Kragen geht. Es wollte eher freundlich sein, weil ich in der letzten Zeit ruhiger gelebt habe. Da wir bei den Aufnahmen unter uns waren, waren wir außerdem sehr entspannt. Die Grundstimmung war die, etwas Schönes zu machen. Diese Platte gefällt auch meiner Mutter." Stefan: "Aber im allgemeinen wurde darüber gar nicht nachgedacht. Es hat keiner gesagt: Wir machen es jetzt weniger rockig." Philippe: "Dafür wollten wir beide bei diesem Song dann doch wieder ins Rockistische gehen."
11. Billie Jean Die Ruhe nach dem Sturm. Am Ende wird Philippes
Gesang verfremdet, was einen Effekt erzielt, für den Tobias Levin Geschmeido
fast schon beneidet hat. Philippe: "Das ist ein 80er-Jahre-betontes Lied. Damals
wurden gesamplete Stimmen ja oft im Sinne eines Beats eingesetzt, wie bei "I
Can't Wait" von den Nu Shooz, ein gnadenlos fettes Lied! Dieses Stück heißt
"Billie Jean", weil Stefan (Wittich, Schlagzeuger und Prince-Fan) uns in eine
gewisse Rhythmus-Stimmung hineinbringen wollte. Er hat das so ausgedrückt: "Stellt
euch vor, ihr hättet gerade guten Sex gehabt". Weil wir nicht so richtig kapiert
haben, was er meinte, hat er uns das Lied von Michael Jackson aufgelegt. Natürlich
hat das einen ganz anderen Rhythmus, aber er wollte uns das Feeling vermitteln.
Außerdem reimt es sich mit dem Refrain. Nur hab ich dann wegen Termindruck am
letzten Morgen der Aufnahme vergessen, noch "Billie Jean" reinzusingen." Bei
der Live-Darbietung des Songs wird dies nicht mehr versäumt, und überraschenderweise
erhalten die neuen Stücke allesamt ein deutlich rockigeres Gewand.