DIE STERNE

EIN ALTERNATIVES "WIR" ENTWICKELN

Nach der letztjährigen Rückschau auf ihr bisheriges Werk in Form einer Live-Album-Produktion sind Die Sterne nun wieder mit einem neuen Studiowerk am Start. Und Hamburgs vielleicht beste Band beweist eindrucksvoll, dass sie auch auf der siebten Platte noch etwas zu sagen haben. "Wir werden leider das Gefühl nicht los, dass irgendwas nicht stimmt", singt Frank Spilker zu Beginn über lauten Gitarren im Stil von "Die Interessanten". Und selten waren seine Texte so direkt wie auf diesem Protestalbum. Näheres über die letzten Aktivitäten und das neue Werk der Sterne verriet er im Gespräch mit B-Side.

Bevor es ums neue Album geht, noch ein paar Fragen zu zwei kleineren Sachen, die ihr vorher gemacht habt. Erstens einen Song von Rio Reiser, den ihr für das Tribute-Album "Familienalbum" gecovert habt und der auch zusammen mit "Ich Bin Müde" von Fettes Brot als Single ausgekoppelt wurde. Wie seid ihr dazu gekommen?

Bei solchen Projekten ist ja klar, dass der Anstoß nicht von uns gekommen ist. Da hat sich jemand ausgedacht: Wir machen jetzt mal dieses "Familienalbum". Und unter bestimmten Voraussetzungen macht man da mit. Wir haben uns dafür entschieden, weil da relativ coole Bands dabei sind und Rio Reiser eine der wichtigsten coolen Größen innerhalb der deutschsprachigen Musikproduktion ist.

Warum habt ihr euch für das Stück "Wenn Die Nacht Am Tiefsten Ist" entschieden? Im Text werden ja auch Sterne erwähnt.

Ja, genau, aber wir haben es nicht deswegen genommen. (lacht) Die Wahl des Stücks ist ein bisschen aus dem Zeitgefühl entstanden: "Wenn Die Nacht Am Tiefsten Ist" - in Zeiten der wirtschaftlichen Depression und der sozialen Kürzungen. Wobei man natürlich nicht weiß, wie wichtig das dann letztendlich genommen wird. Auch dass es auf dieser Single landet, war uns in dem Moment noch nicht klar. Aber das haben wir dann ja so autorisiert, und es war dann auch gut. Ich hatte kein Problem damit.

Wie kam es, dass genau diese Songs auf die Single kamen?

Da ist bei so einer Produktion das Ergebnis offen. Die Produzenten hatten das Gefühl, dass diese Fettes-Brot-Single am meisten Werbung für das Album machen kann. Ich fand den Song eher schwach, aber die Interpretation gut. Aber es hat ja auch nicht so richtig funktioniert.

Das Original kannte ich gar nicht.

Es ist auch ziemlich unbekannt und auf einer der letzten Platten.

Zurück zu eurem Cover. Ich fand es ziemlich ungewohnt, dass ihr beim Refrain diesen Verfremdungseffekt beim Gesang eingesetzt habt - manche sagen "Cher-Effekt" dazu.

Ja, genau. Der wird auch in führenden Studios so genannt.

Mich hat es eher angenehm an die letzte Pet-Shop-Boys-Platte erinnert. Da wurde es auch so dezent eingesetzt.

Ja, es ging darum, dass wir sonst nicht so viel an dem Song verändert haben. Wir haben ihn ja im Prinzip respektvoll nachgespielt, ein bisschen in unserem eigenen Duktus. Aber da es bei den Scherben-Fans immer diese etwas unangenehme Fraktion der Puristen und der Ökohippies gibt, haben wir uns gedacht, die kann man mit so was noch herausfordern - weil die natürlich Cher-Effekt- und Künstlichkeits-Hasser sind.

Also gezielte Provokation?

Ein bisschen Provokation, aber auch Klarmachen, dass es jetzt eine Neuinterpretation ist. Ich finde, das passt einfach auch. Während man in den 70er Jahren Wahwah benutzt hatte, macht man jetzt so einen Computereffekt.

Zweites Thema: Euer Song "Gerechtes Brett" war auf dem Lado-Jubiläums-Sampler, als Vinyl-Single bei Konzerten und als Download erhältlich. Wieso ist er nicht auf dem Album gelandet?

Wir fanden, dass der Song inhaltlich nicht zu dem Album passte. Wir haben nicht nur den Song weggelassen, sondern auch viele andere Ideen verworfen. Aber dieser Song war schon fast fertig und deshalb wollten wir auch etwas damit machen. Die Gelegenheit war die Tour zu dem Live-Album letzten Herbst, da wollten wir mit einem Bonus Track etwas Aufmerksamkeit erreichen. Wir haben ja auch ein Video zu "Gerechtes Brett" ohne Budget komplett selbst gemacht. Das ist dann auch tatsächlich ein, zwei Mal gelaufen und hat so die Tour gesponsert. Innerhalb dieses Videos ging es darum, gegen dieses komische Copy-Protect-Zeug bei CDs zu protestieren und den Song einfach freizugeben. Zu sagen, wir profitieren über die Live-Einnahmen davon. Es gibt einen Interessenkonflikt zwischen Plattenfirmen und Bands - es ist nicht dasselbe, wie es oft gesehen wird.

Zur Musik von "Gerechtes Brett": Das Gitarrenriff erinnert an AC/DC.

Genau, diese AC/DC-Vorliebe schwingt bei unserem Schlagzeuger ohnehin immer mit, er ist AC/DC-Fan seit Ewigkeiten. Das muss auch mal ausgelebt werden.

Nun zum neuen Album: War die Produktion des Live-Best-Ofs der musikalische Ausgangspunkt dafür?

Dass uns das dazu gebracht hat, auch so live-ig zu produzieren? Ja, ein bisschen, wobei wir anders produziert haben. Im Grunde haben wir bei uns im Raum mit eigenem Rechner, Mikros und Mischpult Demos gemacht. Wir mussten eigentlich nicht noch mal in ein großes Studio gehen, weil wir festgestellt haben, dass das genau der Sound war, den wir haben wollten. Dann haben wir zwischendurch das Live-Album gemacht und anschließend dieses zu Ende. Insofern war das Live-Album nicht die Grundidee, aber es gehört alles zu einem Zustand der Band. Übrigens auch das Rio-Reiser-Stück: Es hätte inhaltlich auch auf unsere neue Platte gepasst, war nur eben nicht von uns.

Wie du die Titelzeile von "Das Weltall Ist Zu Weit" intonierst, erinnert übrigens noch deutlicher an Reiser als "Was Hat Dich Bloß So Ruiniert".

Ach, "das Weltall ist zu weiiiiiit" - ja, das fällt mir natürlich nicht so auf, aber kann sein.

Textlich fand ich, dass die ganze Platte an "Hängen Hart" vom letzten Album anknüpft.

Richtig. "Irres Licht" war so eine Spielwiese, wo wir Möglichkeiten ausgelotet haben. Während es da in verschiedene Richtungen ging und "Hängen Hart" nur ein Stück war, das so ähnlich war, gibt es jetzt quasi ein Konzeptalbum, wo "Hängen Hart" auch drauf gepasst hätte.

Ja, es wirkt wie ein Konzeptalbum ohne Story, aber mit ähnlichen Aussagen in den einzelnen Songs.

Genau, es gibt keine Story, aber schon eine Art Entwicklung. Zumindest haben wir die Stücke so sortiert, dass es eine Exposition gibt am Anfang und dann vielleicht so etwas wie eine Entwicklung und ein Schlusswort wie "Wir/Ihr".

Die letzten drei Songs fangen alle mit "wir" an.

Richtig, das war mehr oder weniger Zufall, dass die auch so heißen. Aber es gibt ja noch viel mehr Songs, die mit "wir" anfangen. Das erste Wort auf der Platte ist auch "wir".

"Das Weltall Ist Zu Weit" kommt rüber wie eine Protestplatte: Bei fast allen Stücken geht es darum, sich zu verweigern, nein zu sagen, Dinge zu hinterfragen.

Ja, das hatten wir uns auch vorgenommen, das war die Idee.

Einerseits geht es darum, in Widerstand zum "ihr" zu treten, andererseits auch darum, sich zu organisieren und mit Gleichgesinnten zu einem "wir" zusammenzuschließen.

Genau, ein anderes, alternatives "wir" zu entwickeln, sich das "wir" nicht aufzwingen zu lassen über klassische Bilder wie "wir Familie", "wir Betrieb" oder "wir Schulklasse" und "wir Nation" - so wie es gerade im aktuellen Stern auf dem Titel heißt: "Was wir fühlen. Was wir denken"; der hing da eben noch so plakativ. (lacht) Sondern zu sagen, man ist selber dafür verantwortlich, was "wir" bedeutet, und muss sich das selber konstruieren.

Es wird klar, dass ihr protestiert, aber es wird nicht konkretisiert, gegen was. Es bleibt eher abstrakt, wobei man es durch Andeutungen ahnen kann - wie bei "In Diesem Sinn".

Richtig. In dem Song geht es auch um unreflektiertes Mitmachen, um für die eigenen Vorteile zu sorgen - das, was ja von einem erwartet wird. Ansonsten ist da dieser große spürbare politische Hintergrund, vielleicht die Wirtschaftskrise, bei "Das Weltall ist zu weit und der Rest ist schon verteilt" der Generationskonflikt. Klar, es wird immer nur angedeutet und nicht wirklich zu Ende formuliert, weil ich das auch ausreichend thematisiert fand über dieses "wir", das da auftaucht und letztlich die Frage stellt: "Wem willst du dich denn jetzt anschließen? Den Globalisierungsgegnern oder dem Naturschutzbund, irgendeiner Partei usw.?" So eine Entscheidung muss natürlich letztlich weiter durchdacht werden, als diese Platte das leisten kann, bei der der erste Schritt ist, zu sagen "Der Leidensdruck ist jetzt so groß, dass ich aktiv werde", und da bleibt es eigentlich. Ich finde auch, dass es darüber hinaus sehr schwierig ist, in so einem Poprahmen noch mehr zu sagen. Dass man ganz leicht in Banalitäten oder in Zeigefinger-Poesie verfällt.

Und das zu platt wäre?

Genau, für uns zu platt. Man überlässt den Leuten dann zuwenig selbst. Für uns als Band ist es wichtig, zu entscheiden, wo wir auftreten, bei welchem Benefiz wir mitmachen oder nicht. Aber ich würde nie anderen vorschreiben: "Ihr müsst das auch so machen wie wir!" Das ist der springende Punkt.

Außerdem kann so jeder für sich hineininterpretieren, worum es konkret geht.

Sollte auch, genau.

Musikalisch fand ich besonders "Wir Rühren Uns Nicht Vom Fleck" sehr gut, weil mich das ein bisschen an die Krautrock-Improvisation der Live-Version von "Fickt Das System" erinnert hat.

Stimmt. Wie sind wir da noch mal draufgekommen? ... Ach ja, das ist immer mal wieder bei den Sternen aufgetaucht. Es gab ja auch von "Unter Geiern" so eine Live-Version mit 20 Minuten Krautrock-Reminiszenzen. Das Stück funktioniert ähnlich. Es könnte auch ein Can- oder Neu-Stück sein. Durch den Gesang ist es aber schon sehr viel poppiger und kürzer. Bei Neu und Can geht es ja unter 11 Minuten nicht.

Nach welchen Kriterien habt ihr die Gastsänger ausgesucht?

Wir wollten deutschsprachige Sänger, die am Gesang erkennbar sind, so dass man nicht unbedingt auf die Platte gucken muss. Und wir wollten nicht nur die eigenen Kumpels und Homies fragen, sondern ein bisschen über den Hamburger Rahmen hinausgehen; aber gleichzeitig auch nicht mit Promis protzen. Es war eine Art Vabanquespiel, aber letztlich auch Glückssache, wer gerade so da war und konnte. So genau musste es auch nicht sein, weil die Vision bei dem Song ja war, dass da eine Sitzblockade ist und sich ganz zufällige Allianzen bilden können. Dass es gar nicht wirklich darauf ankommt, dass man genau einer Meinung ist, sondern dass man in einer bestimmten Situation, in der man sich kämpferisch auseinandersetzt, einfach nur zusammenhält, in dem Fall gegen einen imaginären Feind.

Fettes Brot sind da auch dabei. Ihr habt ja früher auch das ein oder andere Hip-Hop-ähnliche Stück gemacht wie "Tourtagebuch" oder "Swinging Safari". Warum macht ihr so etwas heute nicht mehr?

Ich würde es für die Zukunft gar nicht ausschließen, dass wir so was machen. Es ist nur so, dass diese Platte von der Herangehensweise mehr song- als groovebetont ist. Das hat auch was mit diesem überdeutlichen agitatorischen Duktus zu tun. Das ist für uns einfach leichter in einer Songumgebung zu machen. Das Interesse der Band war jetzt, Live-Arrangements zu machen, sich nicht in Studiofrickeleien zu verlieren und einen rauen selbst produzierten Sound zu haben. Wir haben die Platte insgesamt immer aus Songs entwickelt und nicht aus Grooves. Aber da schlägt das Pendel des Interesses bei uns immer ein bisschen hin und her. Das kann also bei der nächsten Platte durchaus wieder anders sein.

Da bin ich gespannt.

Ja, ich auch. (lacht)

Die Bläser bei "In Diesem Sinn" fand ich auch etwas ungewohnt für Die Sterne. Klingt ein bisschen nach den Aeronauten.

Ja, stimmt. Das liegt auch an dem Song. Ich finde, der ist ein bisschen Superpunk-mäßig, eine Band, die wir auch sehr schätzen. Es hat diesen Soulduktus, und da passen die Bläser auch dazu. Wobei ich es sehr schön finde, dass unsere Bläser sehr trashig sind. Die Aeronauten spielen ja wie eine Ska-Band, also sehr genau, und bei uns klingt das eher so, als wären die Bläser besoffen, und das finde ich ganz nett.

Bei "Hier Kommt Die Kaltfront" hat mich das energische Zwei-Ton-Gitarrenriff während des Refrains sehr an die Buzzcocks erinnert.

Das kann sein. Buzzcocks, ja, stimmt. Das sind Sachen, die ich auch früher viel gehört habe in den 80er Jahren. Da kann es durchaus sein, dass so was mal einfließt. Das Stück ist ja insgesamt fast so ein 80er-Stück. Wir hatten ein bisschen andere Referenzen. Wir dachten an Wire und an die Stranglers wegen der Orgel am Ende.

Das ist ja aus der gleichen Zeit.

Das ist bei mir persönlich ein starker Einfluss und kommt immer mal wieder raus. Kann ich nicht ändern.

Nein, ist doch wunderbar.

Soll man ja nicht. (lacht)

Eben. Bei den Sternen war es ja immer schon so, dass mit musikalischen Zitaten gespielt wurde.

Das stimmt, ja. Wobei wir uns ein bisschen bemüht haben, es nicht so offensichtlich zu machen, weil wir nicht immer darüber reden wollen. Es ist nicht so das Wesentliche an der Platte und eher ein Nebenkriegsschauplatz.

Welche Singles stehen an?

Die erste ist "In Diesem Sinn" mit den Bläsern.

Und die nächste?

Wenn du mich fragst, "Was Ist Hier Los". "Hier Kommt Die Kaltfront" wäre wohl auch ganz gut geeignet.

Ich fände ja "Hau Drauf Und Hau Ab" ganz toll. Aber das ist wohl von der Struktur zu unkonventionell für eine Single.

Ja, da würden sie im Radio wahrscheinlich den letzten Teil einfach weglassen.

 

Aktuelles Album: "Das Weltall Ist Zu Weit" (V2)

Internet: www.diesterne.de

Robin Jeganathan


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