Wer in den achtziger Jahren ein Interesse für britischen Gitarrenpop entwickelt hat, ist an einer Handvoll echter Indies nicht vorbeigekommen. The Smiths oder The Wedding Present zählen zu den Standards jener Plattensammlungen, die noch echte Plattensammlungen sind, weil es schlicht ergreifend keine CDs gab. Und wenn wir ehrlich sind, wollten wir von dem digitalen Schnickschnack sowieso nichts wissen. Das Miniaturartwork und der deutlich angehobene Verkaufspreis waren nicht korrekt, und sind es im übrigen noch immer nicht. Dennoch haben die spiegelglatten Silberlinge als das Vinyl recht schnell aus den Regalen verdrängt. Und so entstand spätestens Anfang der Neunziger die mittlerweile obligatorische CD-Sammlung neben den Plattenkisten.
Zu den Nebeneffekten dieses schleichenden und unausweichlichen Vorgangs zählt nunmehr die Tatsache, dass eine ganze Reiche von Bands lediglich in einem medialen Segment des Musikarchivs anzutreffen ist. Ein Umstand, der sich unter anderem darauf zurückführen lässt, dass die Digitalisierung des Musikmarktes mit einem deutlichen Kommerzialisierungsschub einherging, der seinerseits das aus für die Mehrzahl der klassischen Independent-Labels nach sich zog, deren Stellung fortan durch die Alternative-Abteilungen der Major-Labels besetzt wurde. Das es hierbei nicht mit rechten Dingen zuging, haben zu aller erst diejenigen Bands erfahren, die zwar indie nicht jedoch alternative waren. So kam es wie es kommen musste, ein hoch kreatives Stück Musikkultur landete im Abseits. Davey Woodward weiß ein Lied davon zu singen. Schließlich zählt er zu den wenigen Vertretern der einstigen Subkultur, die dem Anbruch des CD-Zeitalters standgehalten haben.
Ohne Brüche ist auch sein Weg jedoch nicht verlaufen. Zu guter letzt sind die hervorragenden Brilliant-Corners-Alben eben eine Sache der Vinyl-Abteilung, wohingegen die Experimental Popband im CD-Stapel aufbewahrt wird. Soviel zum Gedankenspiel. Denn es wäre schon naiv, den bedauernswerten Split der Brilliant Corners einem Tonträgerformat in die Schuhe schieben zu wollen. Die tatsächlichen Umstände waren wie immer komplizierter. So empfand Davey Anfang der Neunziger das Bedürfnis einer grundlegenden Neuorientierung. Etwas, das mit den Brilliant Corners schlichtweg nicht möglich war. So kam es, dass er sich zusammen mit dem mittlerweile verstorbenen Chris Galvin (Bass) und weiteren Kumpels ins heimische Bristol zurückzog, Platten auflegte und Bands buchte. Mit einigem Erfolg, sagt er. Und ich bin gewillt, es ihm zu glauben. Jedenfalls sind einige Jahre ins Land gezogen. Rave, Grunge und Britpop gaben einander die Klinke in die Hand - und Davey stand hinterm Plattenteller.
Dass es bei dieser Tätigkeit nicht geblieben ist, liegt daran, dass Herr Woodward auf Dauer wohl doch zu sehr Songschreiber ist, um sich mit der Rolle des DJ zufriedenzugeben. Darüber hinaus hatte er die Gitarre nie wirklich in die Ecke gestellt. Im Grunde brauchte es lediglich den richtigen Zeitpunkt und die richtigen Mitmusiker, um erneut an die Öffentlichkeit zu treten. 1995 war es soweit. Nach einigen Eps erschien 1996/7 mit "Discgrotesque" das erste Album der Experimental Popband. Es folgten "Homesick" (1998), "The Tracksuit Triology" (2001) bis zum jüngst erschienenen "Tarmac & Flames" (2003). Die Geschlossenheit der Brilliant-Corners-Platten ist dabei der Offenheit für die verschiedensten Genres gewichen. Die CDs der Experimantal Popband sind bewusst heterogen. Es zählt weniger die Richtung als der Song. Und dennoch trägt die Musik nach wie vor die deutliche Handschrift derjenigen Person, die sich der stilistischen Wechselbäder zum Trotz ihr Faible für den lakonischen Vortrag von sarkastisch intelligenten Texten bewahrt hat. Davey: "Oh, that's just the way I write. If that makes sense… It doesn't make sense."
Für weiteren Wiedererkennungswert sorgt die Beharrlichkeit, mit der Davey noch immer die Stellung des Außenseiters bezieht. Anstatt sich den Strategien des heimischen Musikmarktes anzudienen, zog er es beispielsweise vor, bei ausländischen Kleinstlabels wie City Slang oder Bungalow zu veröffentlichen (D: "Undergroud was not very popular in England."), bevor es ihn schließlich zu Cooking Vinyl (D: "home of outcasts") verschlug. Da sitzt er nun, inmitten einer Musikkultur, deren jüngste Entwicklungen ihn in mancherlei Hinsicht an die frühen achtziger Jahre erinnern. Tatsächlich finden sich in letzter Zeit immer mehr Künstler, die den kommerziellen Aspekt ihrer Tätigkeit hinten an stellen und in ihre eigene Welt zurückkehren (D: "It's a weird thing."). Auf der anderen Seite existieren nach wie vor die alternative-acts mit einer massiven Medienmaschinerie, die vom Käufer vermutlich längst nicht als solche wahrgenommen wird. Davey hingegen weiß nur zu gut, was geht. Die Maschine tötet jede Form von Kreativität, sagt er. Ist richtig...
Als ich ihn darauf nach seinem größten Fehlverhalten frage, fügt er grinsend hinzu: "The Brilliant Corners not signing to Polydor Records, because I didn't want top be on a major label. And even with the Experimental Popband I can remember EMI or WEA saying we're really interested in you..." Dumm gelaufen halt.
Und was gibt es Positives hervorzuheben? D: "Not getting fat, maybe."
Da ich nur eine Fanpage zu St.Thomas, zwar eine sehr ausführliche und informative, gefunden habe, frage ich ihn, ob es auch eine offizielle Homepage gibt. "What is an official website? Run by the record company? The fan page is the one most informed. I also write a little bit for it. I would recommend people to go to that one. I'm in close contact with the guy who does it. He's a very big fan."
Liebelings B-Seite: "Dance Dance" (Dexy's Midnight Runners)
Aktuelles Album: "Tarmac And Flames" (Cooking Vinyl)
Internet: www.cookingvinyl.com
Lars Schneider