please play loud
Vor ungefähr acht Jahren hielt ich mit der Compilation "In Bed With Marina"
das erste Mal ein Album des damals noch relativ jungen Hamburger Labels in den
Händen. In der Rückschau bleibt festzustellen, dass diese Zusammenstellung wahrscheinlich
größere Auswirkung auf meine heutigen Hörgewohnheiten genommen hat als alle
zuvor oder danach in die Plattensammlung eingereihten Veröffentlichungen. Auf
"In Bed With Marina" waren mit Paul Quinn, Teenage Fanclub, Jazzateers, Malcom
Ross, Edwyn Collins, Secret Goldfish oder Adventures in Stereo gleich eine ganze
Reihe von schottischen Gitarrenpop-Helden versammelt, deren musikalisches Schaffen
zum großen Teil nur von längst zerschroteten C-86 Tapes bekannt war und deren
Singles man bestenfalls zu unerschwinglichen Preisen auf Londoner Flohmärkten
erwerben konnte.
don't talk - put your head on my shoulder
Auf dem Cover des besagten Samplers rekelte sich mehr unbeschwert denn lasziv
eine blonde junge Frau im knappen gelben T-Shirt und kariertem roten Mini-Rock
als allegorische Verschmelzung signifikanter Oberflächen mit musikalischer Qualität
zu einem künstlerischem Gesamtkonzept. Ein Blick in die liebevolle Bookletgestaltung
bewies, wie von Anfang an bei Marina Records großer Wert auf die Stimmigkeit
von Verpackung und Inhalt gelegt wurde. Immer wieder gelang es dadurch, Fotos
und graphische Elemente aus verschiedenen Epochen zu kombinieren und perfekt
mit der jeweiligen Musik in Einklang zu bringen. Ein Umstand übrigens, der inzwischen
zu Recht die Aufnahme in zahlreiche Kunst- und Coverdesign-Bücher nach sich
zog gezogen hat.
eat more pineapples
Nach diesem ersten nachhaltigen Zusammentreffen zeigte sich alsbald, dass von
Stefan Kassel und Frank Lähnemann eine bis dahin nicht existente eklektische
Plattform geschaffen worden war, auf der seit nunmehr einem Jahrzehnt immer
wieder wie beiläufig herausragende Künstler entdeckt werden können. Als mir
im Frühjahr 1997 anläßlich des ersten Pearlfishers Albums "The Strange Underworld
Of The Tall Poppies" die Gelegenheit geboten wurde, Songwriter David Scott persönlich
kennen zu lernen, konnte noch niemand ahnen, dass sich diese Band zu einem der
erfolgreichsten Acts auf Marina Records entwickeln würde. Wir plauderten über
die Beach Boys, die Simpsons und den schottischen Fußball. Erst sechs Jahre
später erzählte mir Mr. Scott, wie sehr ihn einst die von seinem Kollegen Norman
Blake freundlicher Weise überlassene "In Bed With Marina" Compilation beeindruckt
hatte, so dass er sich anschließend spontan entschloss, fortan seine Platten
über das norddeutsche Label veröffentlichen zu wollen.
add some music to your day
Auch die britische Presse hat unter der Rubrik "Where are they now?" ihre Aufmerksamkeit
inzwischen über den Kanal nach "Krautland" gerichtet. Zwar ist bekanntlich auf
der Insel das Interesse der einschlägigen Gazetten an aufstrebenden Rockjünglingen
selten von längerer Dauer als der Zeitraum zwischen Jens Lehmannschen Fehlgriffen
in Arsenals Gehäuse, doch verbietet sich selbstverständlich gegenüber Orange
Juice, Joseph K oder den Pale Fountains noch heute jegliche Ignoranz. Neben
den umfangreichen Anthologien der beiden letztgenannten Bands und dem abgefeierten
Shack Meisterwerk "Waterpistol" wurde im Jahr 2000 der Tribute Sampler "Caroline
Now! The Songs Of Brian Wilson And The Beach Boys" sowohl vom UNCUT Magazin
als auch vom NME zum Album des Monats erklärt. Darauf huldigten unter anderem
Eugene Kelly, Alex Chilton, Duglas T. Stewart, Saint Etienne oder Norman Blake
dem verehrten kalifornischen Harmoniegroßmeister.
free margaritas for everyone
Obwohl die Herren Lähnemann und Kassel stets den internationalen Schwerpunkt
ihres Labels verfolgten, haben mit den Moulinettes, Camping, Paula oder der
Filmmusiklegende Peter Thomas in den letzten Jahren auch heimische Bands erfolgreich
ihre Platten bei Marina Records veröffentlicht. Gespannt darf man außerdem auf
das Comeback der 80er Avantgarde Ikonen von Der Plan sein, deren Album "Die
Verschwörung" im Juni erscheinen wird.
jump in - the water's lovely!
Als verfrühtes Geburtstagsgeschenk gab es in 2003 bereits mit James Kirks "You
Can Make It If You Boogie" und dem vierten Pearlfishers Werk "Sky Meadows" unbestreitbar
zwei der bestarrangierten Gitarrenpopalben der letzten Jahre. Jetzt läßt man
mit der Jubiläums Compilation noch einmal die eigene zehnjährige Labelgeschichte
gebührend Revue passieren. Unter den 38 Songs befinden sich nicht nur Raritäten
und unveröffentlichte Stücke sämtlicher Marina Records Bands, sondern auch Beiträge
verbundener Künstler wie Tahiti 80, Van Dyke Parks und Kim Fowley. Ausdrücklich
sollen hier noch Paul Quinns neues Projekt The Primary 5 sowie die Green Peppers
von ex-Soup Dragons Sänger Jim McCulloch genannt werden, auf deren Alben ich
mich schon richtig jetzt freue.
Aktuelles Album: "Ave Marina - Ten Years of Marina Records"
Internet: www.marina.com
Carsten Scheef