IN LOVE WITH MARINA

Nur wenige Labels in unseren Landen schaffen es, sich durch beständig qualitativ hochwertige Veröffentlichungen auszuzeichnen und dazu auch noch international zu etablieren. Marina Records gelingt dieses Kunststück in wunderbarer Regelmäßigkeit als Retro-Trendsetter seit genau zehn Jahren. Was liegt also näher, als den beiden Labelgründern Stefan Kassel und Frank Lähnemann mit einigen Zeilen unsere Geburtstagsgrüße zu übermitteln.

please play loud
Vor ungefähr acht Jahren hielt ich mit der Compilation "In Bed With Marina" das erste Mal ein Album des damals noch relativ jungen Hamburger Labels in den Händen. In der Rückschau bleibt festzustellen, dass diese Zusammenstellung wahrscheinlich größere Auswirkung auf meine heutigen Hörgewohnheiten genommen hat als alle zuvor oder danach in die Plattensammlung eingereihten Veröffentlichungen. Auf "In Bed With Marina" waren mit Paul Quinn, Teenage Fanclub, Jazzateers, Malcom Ross, Edwyn Collins, Secret Goldfish oder Adventures in Stereo gleich eine ganze Reihe von schottischen Gitarrenpop-Helden versammelt, deren musikalisches Schaffen zum großen Teil nur von längst zerschroteten C-86 Tapes bekannt war und deren Singles man bestenfalls zu unerschwinglichen Preisen auf Londoner Flohmärkten erwerben konnte.

don't talk - put your head on my shoulder
Auf dem Cover des besagten Samplers rekelte sich mehr unbeschwert denn lasziv eine blonde junge Frau im knappen gelben T-Shirt und kariertem roten Mini-Rock als allegorische Verschmelzung signifikanter Oberflächen mit musikalischer Qualität zu einem künstlerischem Gesamtkonzept. Ein Blick in die liebevolle Bookletgestaltung bewies, wie von Anfang an bei Marina Records großer Wert auf die Stimmigkeit von Verpackung und Inhalt gelegt wurde. Immer wieder gelang es dadurch, Fotos und graphische Elemente aus verschiedenen Epochen zu kombinieren und perfekt mit der jeweiligen Musik in Einklang zu bringen. Ein Umstand übrigens, der inzwischen zu Recht die Aufnahme in zahlreiche Kunst- und Coverdesign-Bücher nach sich zog gezogen hat.

eat more pineapples
Nach diesem ersten nachhaltigen Zusammentreffen zeigte sich alsbald, dass von Stefan Kassel und Frank Lähnemann eine bis dahin nicht existente eklektische Plattform geschaffen worden war, auf der seit nunmehr einem Jahrzehnt immer wieder wie beiläufig herausragende Künstler entdeckt werden können. Als mir im Frühjahr 1997 anläßlich des ersten Pearlfishers Albums "The Strange Underworld Of The Tall Poppies" die Gelegenheit geboten wurde, Songwriter David Scott persönlich kennen zu lernen, konnte noch niemand ahnen, dass sich diese Band zu einem der erfolgreichsten Acts auf Marina Records entwickeln würde. Wir plauderten über die Beach Boys, die Simpsons und den schottischen Fußball. Erst sechs Jahre später erzählte mir Mr. Scott, wie sehr ihn einst die von seinem Kollegen Norman Blake freundlicher Weise überlassene "In Bed With Marina" Compilation beeindruckt hatte, so dass er sich anschließend spontan entschloss, fortan seine Platten über das norddeutsche Label veröffentlichen zu wollen.

add some music to your day
Auch die britische Presse hat unter der Rubrik "Where are they now?" ihre Aufmerksamkeit inzwischen über den Kanal nach "Krautland" gerichtet. Zwar ist bekanntlich auf der Insel das Interesse der einschlägigen Gazetten an aufstrebenden Rockjünglingen selten von längerer Dauer als der Zeitraum zwischen Jens Lehmannschen Fehlgriffen in Arsenals Gehäuse, doch verbietet sich selbstverständlich gegenüber Orange Juice, Joseph K oder den Pale Fountains noch heute jegliche Ignoranz. Neben den umfangreichen Anthologien der beiden letztgenannten Bands und dem abgefeierten Shack Meisterwerk "Waterpistol" wurde im Jahr 2000 der Tribute Sampler "Caroline Now! The Songs Of Brian Wilson And The Beach Boys" sowohl vom UNCUT Magazin als auch vom NME zum Album des Monats erklärt. Darauf huldigten unter anderem Eugene Kelly, Alex Chilton, Duglas T. Stewart, Saint Etienne oder Norman Blake dem verehrten kalifornischen Harmoniegroßmeister.

free margaritas for everyone
Obwohl die Herren Lähnemann und Kassel stets den internationalen Schwerpunkt ihres Labels verfolgten, haben mit den Moulinettes, Camping, Paula oder der Filmmusiklegende Peter Thomas in den letzten Jahren auch heimische Bands erfolgreich ihre Platten bei Marina Records veröffentlicht. Gespannt darf man außerdem auf das Comeback der 80er Avantgarde Ikonen von Der Plan sein, deren Album "Die Verschwörung" im Juni erscheinen wird.

jump in - the water's lovely!
Als verfrühtes Geburtstagsgeschenk gab es in 2003 bereits mit James Kirks "You Can Make It If You Boogie" und dem vierten Pearlfishers Werk "Sky Meadows" unbestreitbar zwei der bestarrangierten Gitarrenpopalben der letzten Jahre. Jetzt läßt man mit der Jubiläums Compilation noch einmal die eigene zehnjährige Labelgeschichte gebührend Revue passieren. Unter den 38 Songs befinden sich nicht nur Raritäten und unveröffentlichte Stücke sämtlicher Marina Records Bands, sondern auch Beiträge verbundener Künstler wie Tahiti 80, Van Dyke Parks und Kim Fowley. Ausdrücklich sollen hier noch Paul Quinns neues Projekt The Primary 5 sowie die Green Peppers von ex-Soup Dragons Sänger Jim McCulloch genannt werden, auf deren Alben ich mich schon richtig jetzt freue.

Aktuelles Album: "Ave Marina - Ten Years of Marina Records"

Internet: www.marina.com

Carsten Scheef


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