Phoenix sind eigenartig. Einerseits sind sie per du mit Sophia Coppola, spielen in der selben Liga wie ihre Kumpels von Air und überhaupt sind sie momentan irgendwie everybody's darling. Andererseits verkaufen sie zumindest hierzulande ihre grandiosen Live-Auftritte selbst in kleineren Hallen nicht aus und ihr neues Album "Aphabetical" schafft es in den deutschen Charts gerade mal auf Platz 68. Phoenix scheint es, sind so etwas wie ein Geheimtipp geblieben.
Dabei dauert es keine Viertelminute und im Grunde ist geklärt, wem der Titel
"Album des Frühlings" gebührt. Es sind genau 22 Sekunden die der Nachfolger
zu "United" benötigt, um den Hörer von sich zu überzeugen. 22 Sekunden bis dieses
alle Sinne betäubende "everything is everything" die Welt ins richtige Licht
rückt, ihr den Glanz verleiht, den sie verdient hat. Die abstrakten Zeilen über
den Verlust der Kontrolle sind quasi das Gegenstück zu Kylie's "Slow", das ganz
ohne jeglichen Höhepunkt auskam. Bei "Everything Is Everything" behält der Refrain
klar die Zügel in der Hand und gibt den gebrochenen Beats die Ordnung, die "Alphabetical"
durchzieht. "Die Welt ist außer Kontrolle" bemerkt Gitarrist Branco richtig,
doch mit und für Phoenix ist sie mehr als in Ordnung. Welch Glück für das Label,
welche Begeisterung bei uns. Einerseits.
Andererseits machen Phoenix keine Popmusik im allgemein geläufigen Sinne, machen
etwas eigenes, dass sich ähnlich wie Zoot Woman nur schwer in das übliche Schema
gut/böse, Gitarre/Beats einordnen lässt. "If I Ever Feel Better" und "Too Young"
funktionierten herrlich auf dem Dancefloor und auch "Everything Is Everything"
mit seinen unvergleichlichem Groove scheint Phoenix in die Elektronik-Ecke zu
stellen. Ebenso wie die Tatsache, dass Phoenix Franzosen sind. Dabei benutzen
Phoenix so gut wie keine Samples und spielen alle Instrumente selbst ein. Ihre
Bühnenpräsenz ist gewaltig. Locker wie Session-Musiker spielen sie auf der Bühne
ihre Songs, toben sich bei Van Halen-artigen Synthie-Sounds und Gitarrensoli
aus und reißen gekonnt das Publikum aus seiner Lethargie. Im Herzen sind die
Mit-Zwanziger halt echte Rocker geblieben. Welch Begeisterung bei uns, welch
Problem für das Label. Denn Kompromisse machen die Jungs kaum. "Unsere Hauptbeschäftigung
ist Nein zu sagen" meint Bassist Deck schelmisch. Und man ahnt, dass Phoenix
doch nicht die Konsensband dieses Frühjahrs werden. Zu clean für den einen,
zu klebrig für den anderen. Und den meisten ist die ganze Platte wohl überhaupt
zu wenig gefällig, zu soulig, zu wenig elektronisch, zu... Man kann es nicht
allen recht machen. Welch Glück, dass Phoenix es gar nicht erst versuchen!
Eine Band wie Phoenix kann man nur schätzen. Nicht nur, weil ihre Lieblings-B-Seite
die Live Version von "Sally Cinnamon" ist. Nicht, weil sie tatsächlich die netten
Jungs von nebenan sind, sie nicht nur mimen. Auch nicht, weil sie so herrlich
über ihre Plattenfirma schimpfen, sich über die lokale Promo-Tante lustig machen
oder sich in ihrem Vertrag Klauseln ausbedingen, über die sich andere nicht
einmal Gedanken machen. Sondern vor allem, weil diese Jungs wirklich spielen
können. Und weil sie mehr als genau wissen, was sie musikalisch wollen. Gibt
es eigentlich keine Vorgaben von der Plattenfirma für die Länge euer Alben?
"Doch, nicht kürzer als 42 Minuten oder so was, glaub ich." Wie kommt es dann,
dass euer Album nur 38 Minuten lang ist? "Weil es eben 38 Minuten lang geworden
ist." Und das klingt weder arrogant, noch überheblich. Sondern einfach nur richtig.
Was sind schon durchschnittliche 62 Minuten gegen eine halbe Stunde wahre Popmusik.
Und wenn man sich Branco's Meinung anschließt, dass "95% aller Drum Sounds einfach
wahnsinnig beschissen klingt", weiß man die subtilen Breakbeats auf "Alphabetical"
sehr zu schätzen. "Die Beats sollten klingen wie Ringo Starr produziert von
Dr. Dre. Beatles Sound im Ansatz, schmutzige Beats in den Spitzen." Dabei wollte
man die live-eingespielten Beats mechanisch klingen lassen und den Beats aus
der Drum-Machine hat man versucht, etwas menschliches zu geben. Das Ergebnis
ist stringent und verworren zugleich. "Alphabetical" durchzieht eine angenehm
weiche Atmosphäre, die immer wieder stimmungsgeladen dem Chaos verfällt und
doch auf magische Weise durch Thomas Mars' bubenhafte Stimme zusammengehalten
wird.
Warum die Jungs dennoch keine Platten verkaufen, kann eigentlich nur am bösenbösen
Internet liegen. Oder aber an den falschen Fragen, die wir hierzulande stellen.
Deck: "Die Journalisten werden intelligenter je weiter wir gen Norden kommen.
In Italien oder Spanien fragt man uns eher danach, ob wir Freundinnen haben..."
Dass sich das Album deswegen im sonnigen Süden besser verkauft, ist allerdings
nur ein Gerücht.
Aktuelles Album: "Alphabetical" (Source/EMI)
Internet: www.wearephoenix.com
Daniel Schulze