Es ist gute sechzehn Jahre her. Ich war mit Schulfreunden auf Interrail-Tour. Nach einigem hin und her - die Gruppe hatte sich aufgrund von Unstimmigkeiten geteilt - hing ich mit Torsten in einer spanischen Jugendhehrberge am Mittelmeer ab. Die Anlage verfügte über allerhand Schnickschnack wie Tennisplätze und eine auf den Strand weisende Hotelterrasse. Am zweiten oder dritten Abend bekamen wir einen Mitbewohner auf die Stube. So einen Kauz von langhaarigem Weltenbummler mit Bongos und allerhand Gras, der sich kurz darauf anschickte, die anwesenden Au-Pair-Mädchen zu verführen. Wir nahmen das zusammen mit anderen Dingen zur Kenntnis.
Da unten herrschte eine Bullenhitze, so dass wir tagsüber unbeweglich am Strand abhingen und uns die immer gleichen Tapes aus der Heimat reinzogen. Irgendwann habe ich dem Typen ein Wedding-Present-Band ausgeliehen. Noch am selben Abend kamen wir ins Gespräch über Musik, Selbstverwirklichung und all das bedeutungsschwangere Zeug. Wie sich herausstellte, hatte der Kerl tatsächlich die halbe Welt bereist. Zumindest gab er das vor. Richtig zugehört habe ich nach den zahlreichen abgelaufenen Dosenbieren sowieso nicht mehr. Jedenfalls kreisten seine Geschichten aus Down Under unter anderem um eine Band namens The Church, die er mir fortan bei jedem Zusammentreffen ans Herz legte. Wahrscheinlich stand er auch des nachts an meinem Bett, um mir die Worte unmerklich ins Ohr zu flüstern - ich weiß es nicht. Jedenfalls sind Strand, Herberge, der Trommler und The Church in meinem Kopf miteinander verschmolzen. Den Paradiesvogel habe ich natürlich nie wieder gesehen. Und Torsten tingelt mittlerweile als Ingenieur um den Erdball. Nur der Griff in die Plattenkiste führt uns zeitweilend zurück ans Meer.
Der Soundtrack meines verklärten Andenkens an einen genüsslich verschwendeten Sommer lautet - wie sollte es anders sein? - "Under The Miky Way" (1987). Der große Hit, der doch keiner wurde und kürzlich in Six By Seven's "I.O.U. Love" eine gleichsam kongeniale wie diebische Neuauflage erfahren hat. Keine Ahnung, wie das Original derart in Vergessenheit geraten konnte. Auf der anderen Seite ist es ebenso verwunderlich, wie hartnäckig sich das Stück in meinem Kopf niedergelassen hat, ohne jemals aufdringlich zu werden. Es ist Zurückhaltung, die einen Großteil der Aura um The Church ausmacht. Manch einer wird sagen, die Band hätte spätestens Ende der 80er den entscheidenden Zug verpasst. Schön und gut. Doch wer wollte The Church ernsthaft in Gestalt eines vor sich hin schimmelnden Rocksauriers à la R.E.M. sehen? Niemand. Schon gar nicht Marty Willson-Piper (Gitarre). Und so zögert der Wahlnewyorker auch nicht, das prätentiöse Gebaren eines Michael Stripe ausgiebig zu diskreditieren. Ihm geht es weder um Personenkult noch um unverhältnismäßig hoch dotierte Plattenverträge sondern um Songs. Letztere tragen bei The Church selbst nach über 24 Jahren nicht das Siegel von Fließbandarbeit. Im Zentrum der Band regiert nach wie vor eine Mischung aus Neugier, kreativer Anspannung und Unsicherheit, deren jüngstes Dokument das mittlerweile vierzehnte Album "Forget Yourself" ist.
The Church sind alte Hasen, keine Frage. Auch ist es merklich ruhiger geworden um das Quartett. Und das aktuelle Album ist um einiges introvertierter als das elegisch umarmende "After Everything Now This" (2002). Doch das ist sekundär angesichts einer Discographie, die ihres gleichen so schnell nicht finden wird. Dass die Band nach alledem noch immer etwas zu sagen hat, ist in erster Linie auf die Tatsache zurückzuführen, dass sie es stets verstanden hat, ihre Energien auf die Zukunft zu richten. "Playing old songs is like having sex with an old girlfriend", flachst Marty. Er wird wissen, wovon er redet. Fakt ist, dass sich The Church bis dato keineswegs auf ihrem Backkatalog ausruhen. Die durchschnittlich 16 Songs, die sich auf ihren Playlists befinden, sind in der Regel auch die 16 Neuesten. Und es steht zu vermuten, dass die Herren zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Sichtung und Ausarbeitung von neuem Material beschäftigt sind. Dabei pflegt die Band eine geradewegs antiquiert anmutende Form des Künstlertums. Während die einstmals getrennten Bereiche von Kunst und Alltag sich längst gegenseitig durchdrungen haben, um ein unauflösbares Netzwerk aus Entlehnungen und Querverweisen zu bilden, lebt jemand wie Marty weiterhin in einer Sphäre des rein Ästhetischen, deren Angelpunkte von Literatur, Filmen und Musik gebildet werden. Das ist Luxus, keine Frage. Doch nur so ist es zu erklären, dass ihm das Musikmachen in all den Jahren niemals zur Last gefallen ist.
Gleiches gilt für die anhaltende Wertschätzung seines Publikums. Es macht Marty nichts aus, auf eine Handvoll Songs wie "Under The Milky Way" reduziert zu werden. Schließlich stammen sie zum Großteil auch aus seiner Feder. Und dass The Church 2004 nicht die großen Konzerthallen füllen, ist auch nicht weiter schlimm. Die Band ist meilenweit davon entfernt, ihr Publikum abzustrafen. Diejenigen, die kommen sind Fans. Den Rest wird man heutzutage ohnehin nur schwerlich erreichen. Zumindest steht letzteres nicht ernsthaft zur Debatte. The Church sind eine der wenigen Inseln in einer allzu hektischen Musikwelt.
Martys Lieblings-B-Seite stammt von den Beatles und lautet "Strawberry Fields".
Viel interessanter ist jedoch, dass er ein ausgesprochener King-Crimson-Fan
ist. Wer hätte das gedacht?
Aktuelles Album: "Forget Yourself" (Cooking Vinyl)
Internet: www.thechurchband.com
Lars Schneider