Angelika-Express-Interview

Punk trägt jetzt Anzug!

Selten hat man die Möglichkeit, eine Band zu treffen, die gute Musik macht, nett ist und noch absolut ordentlich angezogen ist. Da Angelika Express tauglich sind gleich diese drei Wünsche auf einmal zu erfüllen, ließ sich B-Side die Gelegenheit nicht entgehen.

Angelika Express ist eine relativ neue Band. Wie kam's?

Alex (Schlagzeug, Chor): Wir haben uns vor einem Jahr kennen gelernt, ein Freund kannte uns alle und wir uns gegenseitig nicht. Er aber dachte sich, die Typen müssen zusammen Musik machen.
Robert (Gitarre, Gesang): Nun, er hatte auch keine Lust, das selbst zu machen. Dann hat er mir eben Jens (Bass, Chor) und Alex vermittelt. Wir sind also alle nur zweite Wahl. Passen aber auch menschlich gut zusammen.

Wie gute Eheleute...und einer schafft das Geld ran. Und trotzdem ist es nicht immer komfortabel, so als Band.

R: Also, ich geh ja noch nebenher arbeiten, die beiden anderen leben von mir und der Musik. Wir fahren ja auch mit nem ollen PKW durch die Gegend, das ist echt Hardcore. Jeden Abend die Sachen ins Auto laden, dicht gedrängt auf den Plätzen sitzen und dann auch noch gucken, bei welchen Freunden wir heute wieder übernachten. Und immer diese Frage, wer nüchtern bleiben muss. Wir sollten uns ein Wohnmobil anschaffen.
J: Wir sind halt so Tagelöhner.
R: Hey, ich hab euch von der Straße aufgelesen!

Nach den ersten gemeinsamen Tönen ging dann auch alles recht schnell, oder?

A: Obwohl wir uns erst ein Jahr kennen, haben wir schnell die ersten Aufnahmen gemacht. Erst waren die Dinge eher in der Poprichtung, aber dann haben wir angefangen, Punk reinzumischen, weil wir gemerkt haben, dass uns das eben liegt. Dann wurde Paul!, unser Label auf uns aufmerksam. Die hatten zuerst Family Five veröffentlicht.

...von der Qual der Wahl das Richtige zu finden und der Liebe zum Label...

J: Paul! haben sich um uns gekümmert und wir fanden eigentlich ja erstmal Blickpunkt Pop interessanter. Kennt man ja auch eher.
R: Das erste Label war halt ein unbeschriebenes Blatt. Das Konzept ist, nur deutsch gesungene Musik mit Gitarre. War dann auch verlockend, die haben uns angerufen und das Ganze hat sich eben gut angegangen.
J: Wir haben die erst ein bisschen warten lassen. Marc Liebscher hat uns ja auch warten lassen. Ich mein, ist klar, der Mann ist beschäftigt, aber egal, wenn's wichtig war, war er nicht da. Und dann haben wir uns irgendwann mal hingesetzt und gemeint, wir machen das jetzt mit Paul und fertig. Wir haben die dann gleich angerufen und zugesagt, damit das unter Dach und Fach ist und wir nicht mehr dieses Hin- und Herüberlegen haben.
A: Das war die richtige Entscheidung wie wir im Nachhinein gesehen haben. Wir arbeiten super zusammen und bringen uns gegenseitig weiter. Für uns ist auch die geografische Nähe wichtig. Paul! sitzen ja auch in Köln. Da kann man dann mal eben vorbeikommen, wenn was ist. Und wie man sieht, sind wir in der kurzen Zeit richtig weit gekommen.
J: Die sind auch total ehrlich, die können ja auch noch niemanden für Geld kaufen. Das bringt sowohl für uns, als auch für das Label viel mehr Glaubwürdigkeit, das merken auch die Leute, die unsere Musik hören, denke ich. Die merken, das ist eine Band, die sich reinhängt.

Prominentester Freund und Teilzeitmitarbeiter ist Peter Hein (Fehlfarben)

A: Es ist für uns auch unheimlich wichtig und eine tolle Erfahrung, mit Peter Hein von den Fehlfarben zusammenzuarbeiten. Wir haben ein Konzert gespielt und er fand unseren Auftritt geil. Er hat gemeint, wenn ihr so hübsche Anzüge anhabt, könnt ihr keine schlechten Menschen sein. Wir haben dann "Verkaterter Dienstag" zusammengespielt, dann kam noch der Support auf Tour zustande. Fehlfarben sind ja auch ein bisschen die Helden unserer Jugend, das bedeutet uns dann auch viel. Peter Hein ist auch klasse, ein richtiger Kumpeltyp. Kann man viel Spaß mit haben. Wenn einer von uns Geburtstag hätte, ich denke, er würde kommen, wenn wir ihn einladen würden.

Die obligatorische Frage an eine neue Band: Wie klingt der Sound?

J: "Teenage Fanclub Girl" ist schon ein sehr poppiges Lied, die SPEX hatte es jüngst auf ihrem Sampler. Die meisten Stücke haben eher was raues toughes. Da ist "Teenage Fanclub Girl" schon eher eine versöhnliche Nummer.
R: Normalerweise ist unser Sound sehr viel zickiger. Da merkt man noch den Punkeinfluss aus den früheren Zeiten.
J: Natürlich, wir haben das halt früher gehört. Aber wir wollen und trotzdem nicht mit diesem 80er Retro identifiziert wissen. Bloß weil es den Kram schon mal in einer ähnlichen Weise gegeben hat, muss man jetzt ja nicht auf den Retro-Zug aufspringen, bloß weil das gerade in ist.
J. Es gab schon Vergleiche mit den Sportfreunden Stiller oder den Ärzten. Wir sagen immer Pop Disko Punk. Das ist so unsere Bezeichnung für die Sache die wir machen.
A: Bei all der Energie ist halt wichtig, dass der Song zählt. Unsere Platte besteht aus 1,5 bis 3 Minutensongs. Da muss der Sound rüberkommen und die Songaussage. Wir arbeiten mit reduzierten Texten.
R: Von den reduzierten Texten und den griffigen Aussagen kommt vielleicht auch der Vergleich mit den alten Tocotronic Sachen. Aber wir machen andere Musik. Tocotronic feiern sich in ihrer Langeweile und Tristesse und wir haben eher die aggressiver Haltung in unserer Musik, offensiv auch. Wir gehen lange weg und trinken in den Kneipen... . Das ist unser Leben, das ist unsere Musik.
J: Man muss sich hinsetzen können und die Songs am Klavier genauso gut spielen können.

Die Bühne fordert aber den größten Energieverbrauch.

J: Wenn wir auf der CD 100% gegeben haben, dann sind es auf Konzerten 150 oder 200 % die wir bringen. Das ist dann eher schon die Punkattitüde, die wir da leben. Wir sind zwar keine Punkband, fühlen uns dieser Sache aber irgendwie verpflichtet.
R: Erst haben wir so geleckt angefangen, aber dann haben wir den Verstärker mal auf die britische Einstellung gestellt ein bisschen übersteuert, zu schnell gespielt, viel mehr Energie als nötig rein gehauen und das war dann der richtige Sound für Angelika Express.

Spaß? Selber machen! Hier! Jetzt! Los!

A: Wir sagen, du musst, da wo du bist deinen Spaß haben und was daraus machen. Das ist auch der Punkt bei "Geh Doch Nach Berlin". Wenn du es schaffst, in Köln Spaß zu haben, dann schaffst du es überall und dann brauchst du Berlin auch nicht dazu. Dagegen, wenn du es in deiner Stadt nicht schaffst, dann hilft dir Berlin auch nicht. Reiß da was, wo du bist.
J: Wir sind ja auch alle in Köln. Wir sind schon Großstädter.
R: Berlin feiert sich so in seiner Zentralisierung. Diese Arroganz ist echt übel, es gibt Menschen, die glauben, Berlin sei die einzige Stadt, in der man leben könnte.
J: Ich komme ursprünglich aus Remscheid. Da hab ich eben da was auf die Beine gestellt. Man kann nicht sein Umfeld dafür verantwortlich machen, dass man sich langweilt oder allein ist.

Das Markenzeichen der Band sind stylische Anzüge. Und die Farben Rot, Weiß und Schwarz.

A: Unsere Anzüge sind kein politisches Statement, erst hatten wir schäbige Anzüge, aber dann haben wir neue gekauft.
R: Unser Manager hat gemeint, "Ihr seht so cool aus, in den ollen Dingern". Da waren dann aber die neuen Anzüge schon da.
A: Wir tragen ja auch privat eher schicke Dinge, dann wollen wir auf der Bühne nicht einen auf Strickpullover machen.
J: Es ist aber auch praktisch so, muss ich sagen. Vielleicht steigen wir auch mal auf so leichte Safarianzüge um.
A: Unsere Farben sind schwarz, rot und weiß. Das hat aber um Gottes Willen keine politische Aussage, das gehört zur unserer Band. De Farben bedeuten nichts weiter, als dass sie uns gefallen.
J: Wir haben das nicht erfunden, dass man Anzüge anziehen kann, deswegen würde ich das jetzt auch nicht unbedingt als originell bezeichnen.
A: Es hat ja auch keinen Anspruch auf Ewigkeit. Wir haben die Dinger halt jetzt und haben sie durchgerockt. Wir hängen an ihnen. Eigentlich wollten wir sie bis auf die Fetzen abtragen, aber die reißen immer zuerst im Schritt, das ist dann ein bisschen doof.

Lieblings B-Seiten?

A: Beatles: "I Am The Walrus".
J. Ich hab doch immer nur LPs gekauft, ich kenn keine B-Seiten.
R: Black Flag : "I've Needed It Before".

Margot Wilhelms


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