Legendär in spe...
... bezeichneten die Sterne im Vorfeld ihre Konzerte am 3. und 4. Mai im Hamburger Westwerk. Und in der Tat: Bei einem Nachmittags- und zwei Abendkonzerten innerhalb eines Wochenendes bot das Quartett mit gelegentlicher Unterstützung durch Percussionist und Backgroundsänger einen einzigartigen Rückblick auf die zehnjährige Bandgeschichte. Da die Shows für ein Live-Album mitgeschnitten wurden, spielten die Sterne besonders konzentriert, ohne dabei die gewohnte Spielfreude einzubüßen. Bezeichnenderweise stammten die meisten Stücke vom 1996er Durchbruchswerk "Posen", ihr schwächeres Album "Wo ist hier?" war dagegen nur mit einem Song vertreten. Dazwischen Klassiker der ersten beiden Alben, viele Songs ihres Meisterwerks "Von Allen Gedanken …" und die Highlights von "Irres Licht", der bis dato letzten Studioplatte. Leider sind auf dem nun erschienenen "Live im Westwerk"-Album nicht alle 26 Songs der Shows versammelt, was bei einer einfachen CD auch nicht zu erwarten war. Aber es verwundert doch etwas, dass deren Spielzeit mit knapp 70 Minuten nicht voll ausgereizt wurde: Da hätten leicht noch einige Stücke drauf gepasst - allen voran das geniale "Abstrakt", dessen unerklärliches Fehlen im sonstigen Hitreigen am meisten schmerzt. Immerhin ist die grandios verlängerte Version des Klassikers "Fickt Das System" ebenso mit im Boot wie das äußerst frisch klingende neue Stück "Sorglos". B-Side sprach mit Ausnahme-Bassist Thomas Wenzel und Drummer Christoph Leich zwischen den beiden Sonntagskonzerten und verrät die liebste Sterne-Musik aller Sterne-Mitglieder.
Wie ist es zu dem Live-Album gekommen?
Christoph: Wir hatten uns zuerst überlegt, eine DVD zu machen. Das hätte aber ganz schnell gehen müssen, und es wäre Unsinn gewesen, eine mittelmäßige DVD auf den Markt zu werfen. Fettes Brot hatten ja gerade erst eine sehr gute gemacht. Und da kam uns die Idee, mal ein Live-Konzert mitzuschneiden.
Thomas: Wenn man zehn Jahre lang Konzerte gemacht hat, gab es immer wieder tolle Momente, die nur in den Erinnerungen bei einem selbst oder dem Zuschauer sind - was ja auch okay ist - aber manchmal denkt man, dass man besondere Momente auch mal festhalten möchte. Durch diese Interaktion zwischen Publikum und Band oder der Musik oder was auch immer da auf der Bühne passiert ist es noch mal etwas anderes, als wenn man nur im Studio aufgenommen hat.
Ein normales Greatest-Hits-Album stand also nicht zur Debatte?
C: Als wir die Goethe-Institut-Tour gemacht haben, gab es für das Goethe-Institut eine ziemlich gute Zusammenstellung.
T: Wobei ich das Greatest-Hits-Ding immer ein bisschen langweilig finde.
C: Das machen wir dann das nächste Mal, wenn uns gar nichts mehr einfällt (lacht).
Wird es ein Doppelalbum?
T: Es passt bestimmt auf eine CD, glaube ich.
C: Ein Doppel-Live-Album war ja immer mein Traum als 17-Jähriger. Ich weiß nicht, ob wir Virgin dazu überreden können (lacht).
T: Unser Budget ist auch relativ begrenzt. Da ist es schon eine glückliche Fügung, dass hier im Westwerk unten das Studio von Tobias Levin ist, so dass wir das relativ günstig machen können mit den Konzerten. Und dadurch dass die Zuschauer ein bisschen Geld bezahlen, können wir das auch noch mit reinstecken. Es sind auch viele Leute hier angereist, für deren Übernachtung und Verpflegung gesorgt werden muss. Deswegen kann ich mir vorstellen, dass es nicht unbedingt Doppel-Vinyl geben wird, weil es das Budget sprengen würde.
Von der Länge her kommt es heute wahrscheinlich aufs Gleiche raus.
T: Ich finde es reicht auch, wenn es eine CD mit einem umfangreicheren Booklet ist. Als Konsument würde ich mir wünschen, dass da viele Fotos oder Eindrücke sind, die abgedruckt werden.
Wie habt ihr euch auf die Setliste geeignet?
C: Das ist schon eine Art Best-Of mit alten, mittleren und jüngeren Stücken, also die ganze Bandbreite. Es ist auch ein Stück dabei, das noch gar nicht erschienen ist. Wir haben auch an Stücke gedacht, die live immer super funktionieren oder von denen es andere Versionen gibt, wie bei "... Essen" oder "Fickt Das System".
"Fickt Das System" ist auch wesentlich besser in der längeren Livefassung. Das habt ihr ja erst seit kurzem wieder im Programm.
T: Das haben wir wieder ins Programm genommen und gemerkt, dass es gut funktioniert. Das ist ein uraltes Stück von der ersten Maxi, das viele Leute gar nicht mehr kennen. Es passt immer noch.
Was hat es mit dem neuen Stück auf sich?
C: Das ist für den Soundtrack zum Film "Verschwende Deine Jugend". DAF spielt da sozusagen die Hauptrolle, sie spielen nicht selber, sondern werden gespielt - ziemlich gut sogar: Ich hab mir jetzt mal alte DAF-Interviews angeschaut, das haben die total gut nachgemacht, das macht echt Spaß. Und Christian Ulmen macht Spaß: Der ist der böse, übermächtige Musikredakteur, also wahrscheinlich Dietrich Diederichsen 1981. Dazu passte dann halt das Stück. Es ist nicht 80er, es wäre Unsinn gewesen, gegen DAF ankommen zu wollen und ein 80er-Jahre-Stück zu machen. Obwohl wir überlegt hatten, eine Coverversion von DAF zu machen. Das Stück heißt "Sorglos" und, so wie ich es verstehe, handelt es einfach nur davon, dass man irgendwas macht, sich nicht überlegt, was man macht, und dann wird man leider auf einer Party ausgeraubt (lacht) - und das passte auch zum Film, also nicht man selber, aber die Anlage ist dann weg.
Gibt es schon Pläne für das nächste Studio-Album?
C: Wir sind ziemlich weit.
T: Wir haben wieder viele Stücke, aber man kann noch nicht ganz konkret sagen, wann, mit wem und wo wir sie aufnehmen.
C: Wir haben die neuen Stücke Virgin auch noch nicht gegeben, deshalb weiß ich nicht, ob die das überhaupt machen wollen (lacht). Also, unser Plan wäre, dass die das machen und wir die Platte im Herbst aufnehmen und sie Anfang nächsten Jahres rauskommt.
Sternefavoriten?
Album:
C: Eigentlich das Letzte, "Irres Licht".
T: Ich finde es immer schwer, das zu sagen. Eigentlich höre ich mir den ganzen Kram gar nicht an - nachdem man das aufgenommen hat, sowieso erst mal ganz lange nicht. Wenn man dann die alten Sachen nach langer Zeit plötzlich wieder mal hört, denkt man: "Wow! Das ist ja Wahnsinn, was haben wir da denn alles fabriziert, ist ja richtig gut!" Das vergisst man alles. So geht es mir mit der letzten Platte immer noch; das wird noch etwas dauern, bis ich mir das wieder anhören kann. Die Stücke sind immer noch zu nah dran. Dann schon eher die älteren Alben. Da ist für mich die erste Platte, "Wichtig", schon ein echter Kracher.
Frank Spilker: Das ist schwer. Im Rückblick das Aufregendste war "Posen", weil es so eine große Öffentlichkeit hatte und - wie ich jetzt merke, wenn wir live spielen - viele gut spielbare Livestücke hatte, weil wir es komplett als Liveband gemacht und nicht so viel geloopt haben. Aber ich mag auch das neue Album sehr und gerade "In Echt", weil es relativ untergegangen ist und kaum jemand kennt, aber ich finde, dass da ganz großartige Stücke drauf sind.
Richard von der Schulenburg: "In Echt", weil ich damit Die Sterne kennen gelernt habe und da die meisten Stücke drauf sind, die ich mag (lacht).
Single:
C: Bei mir "Themenläden" - zum Spielen ist es ein bisschen schwierig, aber zum Anhören auf Platte ist es super.
T: Das ist ein Stück, das eigentlich nie Single war, aber "Inseln" ist schon ein ziemlicher Favorit für mich. Das ist wahrscheinlich auch zu unhittig - nicht von der Musik, aber es hat einen sehr komplizierten Refrain. Das hat sich auch als Stück noch so gerettet. Wir haben es zwar nicht immer gespielt, aber über die Jahre immer mal wieder. Es passt sehr gut zu unserem Disco-Stil, den wir drauf haben. Es deckt verschiedene Bereiche ab: Die Strophe hat ein bisschen souligen Charakter und der Refrain ist eindeutig Disco. Die Musik ist schon ziemlich sternemäßig, und bestimmt auch die Kombination von süßlichen Melodien und etwas härterem, fiesen Text, das finde ich ganz gut.
F: "Trrrmmer" ist meine Lieblingssingle.
R: Oh, ich weiß gar nicht, was alles Single war. "...Vergessen Zu Essen" war keine Single, oder? Frank hatte "Trrrmmer"? Ja, natürlich, da schließe ich mich an (lacht).
Livestück, das ihr am liebsten spielt:
C: Im Augenblick "Fickt Das System", wahrscheinlich weil es wieder neu ist und ich neu darauf reagieren kann.
T: Ich kann's nicht so richtig sagen. Im Moment kann ich mich nicht so richtig entspannen, weil ich immer daran denke, dass es ja aufgenommen wird. So richtig Spaß hab ich dabei im Moment irgendwie nicht, ich bin immer noch zu konzentriert. Ich merke auch, dass ich anfange, mich über jeden falschen Bass-Schlag zu ärgern und nicht darauf achte, dass die Leute jetzt gerade durchdrehen. Ich bin gerade zu phantasielos. Irgendwie sind das viele Stücke, die gut funktionieren und Spaß machen, wo man sehen kann, dass sich auch das Publikum bewegt.
F: Ich muss mich jetzt wahrscheinlich entscheiden, weil eigentlich ja das ganze Programm so zusammengestellt ist, dass es Spaß machen soll. Für diese Shows ist es diese Chorversion von "Bis Neun Bist Du OK", weil wir das ganz lange nicht gespielt haben und es ein ganz anderes Auf-der-Bühne-sein ist, nur mit Klavierbegleitung im Chor zu singen.
R: Eigentlich ist das auch "... Vergessen Zu Essen". "Trrrmmer" macht mir auch sehr viel Spaß und "Nüchtern". Das sind natürlich zum Spielen immer keyboardlastige Stücke, wobei ich zum Hören auch gern andere Stücke habe.
Livestück, das die Studioversion übertrifft:
C: Ich hab die Liveversion jetzt noch nicht gehört (lacht), keine Ahnung, da musst du mich in zwei Wochen fragen.
T: Es ist halt anders. Man kann nicht erwarten, dass da alle Zaubertricks genauso in Erscheinung treten, wie sie bei der Studioaufnahme fabriziert worden sind. Teilweise weiß man ja gar nicht mehr, wie man das damals gemacht hat. Es ist schon runtergebrochen auf eine aufführbare Version, aber das muss deswegen noch nicht schlecht sein. Es lebt von der Atmosphäre, die dadurch entsteht, dass man angestachelt wird vom Publikum oder schneller oder energetischer spielt oder es Parts gibt, die so nicht auf der Studioversion drauf sind.
F: Fast alle - wenn wir sie gut spielen (lacht). Live ist natürlich immer eine Frage des Gelingens. Aber wir haben die meisten Stücke nach der Plattenproduktion durch Live-Spielen noch weiter entwickelt. Es gibt natürlich Stücke, die live auch durch die Percussion besser sind. Ich finde "Inseln" ist z.B. so ein Fall, wo es nur mit der Percussion wirklich gut kommt, und jetzt, wo wir es mit Percussion spielen, ist es auch ein tolles Livestück. Sonst denkt man manchmal, da fehlt was. Aber bei den meisten Liedern ist es so, dass sich durch das Live-Spielen das Arrangement noch mal verfeinert hat.
R: Ich denke, dass z.B. Stücke mit Percussion ganz gut kommen, also "Swinging Safari" und "Inseln". "Universal Tellerwäscher" ist auch super live, da denke ich schon, dass es besser ist als auf Platte. Muss man aber hören, wir wissen selbst nicht, was wir da anstellen (lacht).
Robin Jeganathan
Aktuelles Album:
"Live Im Westwerk" (Virgin)
Die Setlist (auf "Live Im Westwerk"):
Die Interessanten
Hängen Hart
Anfang Verpasst
Zucker
Wahr Ist Was Wahr Ist
Ganz Normaler Tag
Das Bisschen Besser
Widerschein
Universal Tellerwäscher
Inseln
Trrrmmer
Du Darfst Nicht Vergessen Zu Essen
Nur Flug
Sorglos
Risikobiographie
Was Hat Dich Bloß So Ruiniert
Fickt Das System
Wenn Dir St. Pauli Auf Den Geist Fällt
Bis Neun Bist Du O.K.
(ebenfalls gespielt):
Es Möchte Echt Sein
Stell Die Verbindung Her
Abstrakt
Themenläden
Swinging Safari
Mach Die Tür Zu, Es Zieht
Selten Ist Fair