Für
ihr zehnjähriges Bandjubiläum haben sich Fettes Brot ein besonderes
Schmankerl einfallen lassen. Es gibt nicht nur eine Compilation ihrer 16
Singles in chronologischer Reihenfolge, sondern auch eine DVD, die mit
viel Liebe gestaltet wurde. Sämtliche Musikvideos sind in einen eigens
von der Produktionsfirma BWS gedrehten Kurzfilm namens „Amnesie“ eingebettet,
der sehr professionell und beklemmend wirkt. Nach einem Autounfall erwachen
Björn Warns aka Björn Beton, Martin Schrader alias Speedy Konsalik
und Boris Lauterbach aka Kay Bee Baby in einem Krankenhaus. Ihr behandelnder
Arzt eröffnet ihnen, dass sie ihr Gedächtnis verloren haben.
Er wird perfekt gespielt von Hanns Zischler, dessen Name wohl nur den wenigsten
etwas sagt, dessen Gesicht den meisten aber von zahlreichen Auftritten
in TV-Serien wie „Tatort“ oder „Derrick“ vertraut sein dürfte. Im
Lauf ihrer Therapie werden die drei Patienten nun mit Bildern aus ihrer
Vergangenheit konfrontiert, um ihre Erinnerung wieder aufzufrischen: Neben
den sehr unterhaltsamen Videos gibt es noch unzähliges Bonusmaterial
in Form von Making-Ofs, Live-Auftritten und TV-Interviews – mit satten
vier Stunden Laufzeit eine runde Sache, die jeden Fan begeistern wird.
Ebenfalls vom Feinsten ist die atmosphärische Filmmusik von Malte
Hagemeister. Dazu enthält die DVD auch die CD-Version mit den Singles
– ein Service, von dem sich andere Bands bei ihren DVD-Veröffentlichungen
im wahrsten Sinne des Wortes eine Scheibe abschneiden könnten. Auch
für B-Side nahmen sich unsere drei Hamburger Hip-Hop-Helden ausgiebig
Zeit, um Erinnerungsarbeit zu leisten: Dabei gingen sie nicht nur auf jede
ihrer Singles ein, sondern sinnierten auch über Videodrehs und B-Seiten.
Protokoll einer Erinnerung:
Die
filmischen Zwischensequenzen eurer DVD haben wirklich was, sehr gut gemacht.
Boris:
Hollywood, nicht?
Eher
„Tatort“-mäßig.
Martin:
Das kam heute schon das zweite Mal.
Vielleicht
wegen des Mittelstreifens am Anfang. Bei der Titelsequenz von „Tatort“-Filmen
sieht man ja auch immer diese Streifen, während einer entlang läuft.
Martin:
Stimmt.
Boris:
Ja, wollen wir anfangen.
Ja,
„Definition Von Fett“.
Boris:
Unsere erste Single, die wir jemals gemacht haben. Sehr schön.
Martin:
Die Auskopplung aus unserer EP „Mitschnacker“, die 1993 noch vor unserem
ersten Album „Auf Einem Auge Blöd“ erschien. Die einzige Platte, die
wir komplett bei Yo Mama herausgebracht haben, bei dem kleinen Hamburger
Zwei-Mann-Plattenfirmen-Unternehmen.
Boris:
Eine Selbstdefinierung würde ich sagen. Auf jeden Fall hatten wir
damals noch das Bedürfnis, den Leuten zu erklären, was Rap-Musik
ist und was wir denn so vorhaben.
Auch
wie euer Name zu verstehen ist.
Martin:
Ja, damals war ‚fett’ noch ein total absonderliches, exotisches Wort. Natürlich
nur in der Übersetzung, die englische Form gab es schon etwas länger
in der Rap-Musik.
Boris:
Und wir haben unser erstes Video gedreht, was ganz großartig und
natürlich total spannend war. Ein Video zu drehen war das höchste
der Gefühle. Es war unvorstellbar im Vorwege, dass man so was mal
machen darf, und das war extrem cool.
Martin:
Viva war ja auch noch gar nicht so alt. Die Möglichkeit, so ein Video
zu zeigen, war auch noch ganz neu. Insofern haben wir eigentlich von Anfang
an da mitmischen können. Und dann gleich mit so einem Hammer-Video
(lacht). Ihr habt es ja gesehen, das Probe-Video.
Ja,
die Urfassung.
Boris:
Ja, die sich kaum unterscheidet (lacht).
Wie
wird eigentlich grundsätzlich bei euch entschieden, was als Single
ausgekoppelt wird?
Boris:
Wir hören uns die Platte noch mal an, die wir gerade fertig gemacht
haben, und diskutieren dann, welches Stück als Single-Auskopplung
sinnvoll wäre.
Martin:
Aber das ist auch nicht immer so. Meistens redet man schon in jedem Stadium
der Plattenproduktion darüber. Wenn man die ersten drei Stücke
hat, ist meistens eines davon schon eine potenzielle Single. Dann kommt
aber meistens später noch ein Stück, was das alles wieder in
Frage stellt, und man denkt, eigentlich muss das die Single werden.
Ich
denke da z.B. bei „Mitschnacker“ an „Schwarzbrot, Weißbrot“.
Martin:
Da haben wir damals wirklich nicht drüber nachgedacht. Es war irgendwie
klar, dass „Definiton Von Fett“ die Single ist. Ich weiß aber nicht
mehr ganz genau, wie das war.
Björn:
Ehrlich gesagt haben wir damals überhaupt nie darüber nachgedacht,
dass wir jemals auch nur eine Single herausbringen können.
Boris:
Bei „Definition Von Fett“ ja schon.
Björn:
Ja, aber das war auch nur dann die Single, nachdem die „Mitschnacker“-EP
schon längst draußen war. Während der Produktion dieser
Songs haben wir ja überhaupt nicht darüber nachgedacht, eine
Single herauszubringen, sondern alles, was wir wollten, war eine EP. Erst
als wir den Kontakt mit der riesengroßen Major-Firma Intercord hatten,
wurde die Idee an uns herangetragen, dass wir auch eine Single machen könnten.
Martin:
Aber wir haben schon damals gedacht, dass eine Single mehr sein muss als
nur ein Song. Deswegen haben wir damals mindestens drei B-Seiten gehabt:
„Wir Können Auch Anders“, „Das Wahre Leben“ und …
Björn:
„Definition Vom Pferd“, ein Remix, wo wir einen neuen Text geschrieben
hatten.
Boris:
Genau.
„Das
Wahre Leben“ war diese Doku-Soap auf MTV, oder?
Boris:
Das war nicht MTV, aber es war so „The Real World“-mäßig. War
das auf MTV?
Martin:
Nee, auf Hamburg 1.
Boris:
Nee, das war nur die Wiederholung.
Martin:
Auf Tele 5, nee, RTL?
Björn:
Egal – nee, auf Premiere lief das. Unverschlüsselt auf Premiere!
Boris:
Genau.
Martin:
Und das hat die Firma produziert, die auch unser erstes Video produziert
hat, Schofield Sternberg oder zumindest Mediabort, so hießen die
damals. Die haben uns auch für den Titelsong kontaktiert, den wir
dann geschrieben haben.
Björn:
Eine Auftragsarbeit! Hahahahaha!
Björn:
Da hab ich eben gar nicht dran gedacht, aber es stimmt natürlich.
Nicht
bloß die Single oder blöde Remixe.
Martin:
Solche Singles haben wir auch gemacht, wenn wir mal zu wenig Zeit hatten.
Dann wurden keine blöden, sondern gute Remixe in Auftrag gegeben.
Das
ist natürlich was anderes.
Martin:
Aber es ist natürlich in Wahrheit tatsächlich so, dass man lieber
noch exklusive Stücke drauf hat.
Boris:
Wie bei unserer ganz neuen Single „Welthit“, wo wir drei exklusive B-Seiten
drauf haben.
Martin:
Da schließt sich dann der Kreis wieder: Bei unserer ersten und bei
unserer letzten Single jeweils drei exklusive B-Seiten.
Sehr
schön finde ich ja „Der Hass Part Two“.
Björn:
Stimmt, das ist auf „The Grosser“. Ich habe schon überlegt, dass man
auch noch einen dritten Teil schreiben könnte. Das wird immer verrückter
werden. Und irgendwann schlägt es dann um ins Gegenteil und wird total
blümchenmäßig und nett, weil sie dem Herrn Warns so viele
Drogen verabreichen.
Björn:
„Männer“.
Boris:
Oh, ich sag nur, wir waren damals 19 oder so und haben uns angemaßt,
das Männer-Frauen-Verhältnis kurz in drei oder vier Minuten abzuhandeln.
Das würden wir uns heute wahrscheinlich nicht mehr zutrauen. Damals
haben wir gar nicht darüber nachgedacht. Es beschäftigte uns
einfach, und wir haben den Song gemacht.
Martin:
Wir waren ehrlich gesagt auch schon ein bisschen älter.
Boris:
Ja? 20?
Martin:
Wenn wir es ´95 gemacht haben, war ich schon 21.
Boris:
Gut, also 21.
Martin:
Also, wir wussten eigentlich schon genau, was zwischen Männern und
Frauen stattfindet.
Boris:
Naja, nicht wirklich (lacht). Wir haben uns viel Ärger eingehandelt.
Wir mussten stundenlang mit frauenbewegten Frauen und Männern diskutieren,
die uns Chauvinismus und Macho-Geschichten vorgeworfen haben …
Boris:
Ja, die uns in hochpolitische Diskussionen verwickelt haben …
Björn:
Ah, statt dass sie sich mit anderen Leuten gestritten haben.
Boris:
Die uns vom allerfeinsten auseinander gepflückt haben. Ich erinnere
mich da noch an eine Diskussion … Eigentlich hätten wir weggehen sollen.
Björn:
Wir hätten genau das sagen müssen: „Kämpft doch gegen irgendwelche
Idioten und nicht gegen uns“.
Hatten
die den Text nicht gelesen?
Boris:
Hatten wir auch gedacht. Wir haben dann immer Textstellen angeführt:
„Ja hier, hört doch mal“, aber das wollten sie nicht hören, da
waren sie nicht zufrieden mit. Ich wurde auch mal als Macho-Schwein beschimpft
von irgendeinem Typ in Berlin. Aber gut, damit mussten wir leben. Das hat
uns natürlich etwas irritiert, aber …
Martin:
… andererseits auch irgendwie beglückt, dass man so viel erreicht
mit Musik. Das war natürlich ganz neu, dass man mal was sagt und es
ganz viele Leute interessiert. Das war eigentlich ein ganz gutes Gefühl.
Boris:
Ich erinnere mich an den Videodreh. Das war das erste Video, das wir mit
BSW gedreht haben. Wir haben das in einem Burgverlies gedreht, in dem auch
die Kelly Family kurz vor uns ein Video gedreht hat.
Martin:
„Der Name der Rose“ wurde da auch gedreht.
Im
Kloster Eberbach.
Boris:
Ach, das kennst du?
Björn:
Das war aber woanders. Das ist da zwar in der Nähe, aber es ist ein
anderes Kloster.
Martin:
Wir haben an zwei Drehorten gedreht.
Björn:
Das sieht man dann im Film aber nicht.
Martin:
Einer war das mit „Der Name der Rose“, und der andere mit der Kelly Family.
Boris:
Auf dem Rückweg ist unser Bus kaputt gegangen. Das Kühlwasser
ist immer ausgelaufen, und es war Winter und die Heizung funktionierte
nicht. Wir haben mit mehreren Schichten Jacken in dem Auto gesessen und
mussten alle 50 km anhalten, um Kühlwasser nachzuschütten. Martin
und ich mussten damals noch zum Zivildienst, sind dann nachts losgefahren
und morgens kurz vor Dienstbeginn angekommen, gleich zum Zivildienst malochen.
Das weiß ich auch noch. Das war ziemlich bitter. Aber ist ja zum
Glück lange her.
Boris:
Doch, unbedingt. Das ist nicht der Punkt. Aber Zivildienst nicht unbedingt
noch mal.
Björn:
Bei der Lebenshilfe Schenefeld hab ich den gemacht.
Boris:
Bei der Beratungsstelle für Obdachlose in Altona.
Martin:
Bei der Lebenshilfe Kindergarten in Pinneberg. Aber es war eigentlich eine
gute Zeit, für uns der ideale Übergang nach der Schule: 13, 14
Monate Zivildienst und dann in eine sorgenlose Zukunft als Popstar hineingleiten.
Björn
& Boris: (lachen)
Martin:
Das war in der Tat ein ganz guter Übergang. Dass man nicht erst beim
Berufsinformationszentrum war und überlegt hat „Was mache ich denn
eigentlich?“
Boris:
Was mit Menschen.
Björn:
Was mit Menschen und Tönen.
Martin:
Und insofern hatten wir das Glück, dass wir genau in der Zeit die
Chance hatten, zum ersten Mal Musik herauszubringen und davon zu leben
– plus das Geld vom Zivildienst, da hat es richtig geklingelt in der Kasse.
Wir hätten uns eigentlich mal einen Bus mit Heizung kaufen können.
Boris:
(lacht) Haben wir dann ja auch gemacht.
Boris:
„Nordisch By Nature“? Oder
„Jein“?
Boris:
Ach so, chronologisch erst mal „Nordisch By Nature“.
Björn:
Erst kam „Nordisch By Nature“ (lacht).
Martin:
(lacht) Die dritte Single von unserem Erfolgsalbum „Auf Einem Auge Blöd“.
Wir waren eigentlich schon total zufrieden, aber das war das erste Mal,
dass das auch ein bisschen die Idee der Plattenfirma war, nicht? Dass die
gesagt haben „Das ist doch noch mal eine Single“. Das war etwas, worüber
wir nie nachgedacht hätten. Mir ging es zumindest so damals, weil
es neun Minuten lang und ein Posse-Track mit ganz vielen anderen Leuten
ist. Da sagt man nicht mal eben so: „Mach mal eine Single draus.“ Das ist
ja total kompliziert. Was macht man damit, dass es überhaupt im Radio
oder Fernsehen laufen kann? Wer ist von den anderen dabei? Es war in der
Tat so, dass wir alle gefragt haben und diejenigen, die in den ersten drei
Minuten dabei waren, Bock auf eine Single hatten und die anderen gesagt
haben: „Nee, ein Album-Track war cool, aber Single lieber nicht.“ Insofern
hat es dann ganz gut geklappt.
Boris:
Es gab aber lange Diskussionen im Vorwege, ob wir es als Single auskoppeln
oder nicht. Da erinnere ich mich noch gut und gerne dran.
Björn:
Was waren die B-Seiten? „Raptus Melancholicus“, unser erstes Stück
mit verzerrter Gitarre, ach nee, gar nicht wahr, „Wir Können Auch
Anders“ gab es ja vorher schon.
„Raptus
Melancholicus“ ist auch richtig lang.
Martin:
Genau, wieder neun Minuten.
Boris:
Aus unserer Art-Rock-Phase.
Björn:
Auch ein Stück, dass nicht nur frauenbewegte Männer und Frauen
bewegte, sondern auch meine Eltern beispielsweise, die den Song immer noch
total toll finden, was ich irgendwie echt klasse finde. Und was war da
noch drauf? „Frikadelle Am Ohr“ im Remix, was auch recht toll geworden
ist – so Trip-Hop-mäßig, langsamer, gemütlicher.
Der
„Männer“-Remix ist auch sehr cool.
Boris:
„Hausmänner & Liebhaber“?
Björn:
Genau.
Boris:
Da hatten wir ein paar Mädchen getroffen, die uns ihre Theorie von
Männern erzählt haben. Dass es nur zwei Arten von Männern
gebe: Hausmänner und Liebhaber. Die, die man zu Hause hat, und die,
die kommen, wenn der, der zu Hause ist, nicht da ist. Gewagt, aber wir
haben den Song auf jeden Fall so genannt.
Zu
„Nordisch By Nature“ haben wir dann natürlich auch ein schönes
Video gedreht und zwar auf dem Parkhaus neben dem Spielhochhaus am Hafen.
Das war auch ein geiler Videodreh. Eine sehr schöne Anekdote: Als
wir fertig waren sind wir aus dem Parkhaus rausgefahren …
Björn:
Im Wagen meiner Mutter, das allerletzte Auto.
Boris:
Auf jeden Fall haben wir die Schranke abgefahren.
Martin:
Und zwar deshalb, weil Andre Luth vorher mit dem Fahrrad durchgefahren
ist. Er hatte gerade unsere Karte reingesteckt und die Schranke ging hoch.
Dann ist er durchgefahren – „Tschüß!“ – und die Schranke ging
wieder runter.
Boris:
Und dann meinte der Regisseur zum Pförtner: „Machen Sie sich mal keine
Sorgen, unsere Techniker kommen gleich. Die regeln das.“ Dabei waren gar
keine Techniker oben. „Ok, ja, ok.“ Und dann sind wir abgehauen.
Björn:
(lacht)
Boris:
Wow, ich hab ihn bewundert für diese Aktion. Das war ziemlich cool.
Martin:
Dann haben wir die Single vom Markt genommen. Dieser Entschluss ist aus
dem Gefühl heraus gereift, dass da gerade etwas passiert, was man
überhaupt nicht mehr in der Hand hat, obwohl es unser Lied ist. Dass
es eine ArtKarnevalssong werden
könnte, wenn man nicht aufpasst. Und dass wir dann auf diesen Song
beschränkt werden, die norddeutschen Fun-Rapper sind, die immer Plattdeutsch
reden.
Klaus
& Klaus als Hip-Hop-Act.
Martin:
Genau, Klaus & Klaus & Klaus. Das wollten wir verhindern und haben
es natürlich nie wirklich geschafft.
Björn:
(lacht)
Martin:
Aber wir hatten bis heute die lustige Anekdote, dass wir die Single vom
Markt genommen haben, als sie auf Platz 17 war und wir Angst hatten, dass
sie jetzt vielleicht noch in die Top Ten geht.
Boris:
Dann haben wir die Todesanzeige in der Musikwoche oder so geschaltet, mit
allen unterzeichnet, die da mitgemacht hatten. Bis heute werden wir darauf
angesprochen. Ich glaube es war eine coole Promotion-Maßnahme.
Björn:
Also, heute würden wir die Single nicht mehr vom Markt nehmen, weil
heute auch nicht mehr die Gefahr bestünde auf irgendein blödes
einfaches Image reduziert zu werden. Das ist jetzt nach zehn Jahren langsam
vorbei, die meisten Leute haben ja schon was von uns gehört.
Boris:
Wobei es für damals eine extrem gute Entscheidung war, im Nachhinein
betrachtet.
Ihr
habt ja auf eurem Konzert in Schenefeld neulich eine neue Version vorgetragen
– Stichwort „Woodpeckers From Space“.
Boris:
Korrekt.
Die
war sehr cool. Habt ihr vor, sie irgendwann mal zu veröffentlichen.
Björn:
Nein, das ist eher in der alten Tradition zu sehen, dass Rap-Musikanten
dadurch, dass sie musikalisch von einem DJ unterstützt werden, das
ein oder andere Mal Instrumentals von anderen Bands benutzen und ihre Raps
drüberlegen. Das ist eine Sache, die wir uns für Live-Auftritte
ausgedacht haben: dieses Lied über ein fremdes, aber doch verwandtes
Instrumental zu performen. Und das machen wir auch nur live. Uns gehört
ja auch „Woodpeckers From Space“ – zum Glück – nicht.
Boris:
Genau. Dann kam „Jein“ und wurde ein Top-Ten-Hit, was natürlich
nicht besser hätte laufen können. Man nimmt die eine Single vom
Markt, weil man Angst hat, sie wird zu erfolgreich, und dann bringt man
die nächste heraus und sie ist noch erfolgreicher als die davor. Das
gab uns auf einmal total recht in dem, was wir gemacht haben, was ein großartiges
Gefühl war. „Jein“ war unser erster Superhit, sag ich jetzt mal so,
da ging es los. Bei „Jein“ erinnere ich mich immer gerne an eine Situation
mit ein paar Leuten im Studio, als wir den Song fertig hatten. Da haben
wir das Licht aus gemacht und ganz laut aufgedreht. Als der Song fertig
war, haben wir das Licht wieder an gemacht, alle guckten sich nur an und
wir waren irgendwie erstaunt über das, was wir da alles selber gemacht
hatten. Wir fanden es richtig geil und haben gedacht „Schönes Ding!“
Dass das ein Hit werden würde, konnten wir damals natürlich noch
nicht ahnen. Aber es ging dann so weiter mit den aufregenden Sachen. Wir
sind nach Mexiko geflogen und haben dort ein Video gedreht, was natürlich
auch unfassbar war. Also überhaupt mal nach Mexiko zu kommen und da
ein Video zu drehen, war einfach großartig. Dann wurde das Ding auch
noch erfolgreich und dadurch verkaufte sich auch die LP extrem gut, und
wir wurden ...
Björn:
… in Gold aufgewogen.
Boris:
Genau. Ich würde sagen, damit haben wir einen Klassiker geschrieben.
Ich glaube, der wird in zehn Jahren auch in der Oldie-Hitparade gewünscht
werden.
Björn:
B-Seite war „Das Präteritum Schlägt Zurück“, ein Lied, wo
wir uns mit deutscher Grammatik beschäftigt haben. Total albern.
Mit
falschen Vergangenheitsformen.
Björn:
Ja, genau. Aber irgendwie gut. Mir gefällt das, und es hat Spaß
gemacht, das Lied zu schreiben. Und es war der erste Song, den wir zu dritt
geschrieben haben. Die nächste Single war …
Martin:
„Mal Sehen“.
Boris:
Die zweite Single-Auskopplung aus dem Album „Außen Top Hits, Innen
Geschmack“.
Martin:
Irgendjemand hat zu der Zeit behauptet, das wäre der beste Hip-Hop-Song,
der jemals auf Deutsch entstanden ist.
Boris:
Eißfeldt, genau. Was auch großartig war.
Martin:
Den wir schon bei „Nordisch By Nature“ mit im Boot hatten und der dann
bei „Mal Sehen“ seine ersten Versuche als Soul-Sänger machte.
Björn:
Sowohl „Nordisch By Nature“ als auch „Mal Sehen“ waren aus derselben Schaffensperiode,
und das war das erste Mal, dass Eißfeldt ein bisschen in Richtung
Gesang gegangen ist.
Boris:
Und ein großartiges Video, finde ich. Es ist eins meiner Lieblingsvideos
von uns.
Björn:
B-Seite war ein Remix von Super Mario, und Bo hat noch ein bisschen was
gerappt.
Martin:
Mario Coolmann hat den Remix gemacht.
Björn:
Ja?
Boris:
Egal.
Björn:
Und das Ärzte-Stück war da auch drauf, glaube ich.
Martin:
Nee, das war bei „Sekt Oder Selters“ drauf. Ich glaube, „Mal Sehen“ war
eine Single ohne viele B-Seiten.
Björn:
Sauerei! Das prangere ich an.
Boris:
Also, wenn wir jetzt auch noch die B-Seiten von allen Singles besprechen,
dann dauert es ungefähr doppelt so lange.
Björn:
Aber das Magazin heißt ja „B-Side“ – zu Recht!
Martin:
Dafür hatte die dritte Single „Silberfische In Meinem Bett“ …
Boris:
Ich wollte noch ganz kurz was zu dem Video sagen.
Björn:
Nein! Nein, das geht jetzt nicht. Das heißt „B-Side“ und nicht …
Boris:
Video-Side kann es ja auch mal heißen. Auf jeden Fall ist das eine
Video-Idee, die Tobi und Bo abgelehnt haben, weil sie ihnen zu albern war.
Und wir haben laut „Hier!“ geschrieen, als wir gehört haben, dass
wir im Hasenkostüm ein Performance-Video drehen sollten. Wir wurden
von vielen Leuten gehasst dafür.
Martin:
Nämlich von Jägern.
Boris:
Aber wir fanden es gut.
Von
der Ästhetik her hat sich da ja Grönemeyer mit seinem Eisbär
was bei euch abgeguckt.
Boris:
Das hat ja dieser Corbijn gedreht, und ich schätze: ja.
Martin
& Björn: (lachen)
Boris:
Dritte Single von „Außen Tophits, Innen Geschmack“: „Silberfische
In Meinem Bett“
Martin:
Die hatte auf jeden Fall viele B-Seiten.
Björn:
Genau.
Martin:
Da haben wir nämlich extra eine Box rausgebracht, weil es natürlich
etwas Neues war, eine Solo-Single herauszubringen.
Björn:
Immer wenn wir mal was Neues machen, dann machen wir auch was Derbes. Das
ist noch heute so.
Martin:
Da haben wir eine CD- bzw. Single-Box herausgebracht, wo jedes unserer
Solostücke von etlichen talentierten Hip-Hop-Produzenten aus Deutschland
geremixt wurde. Und da waren einige Perlen dabei. Es waren zwar alles nur
Remixe, keine exklusiven B-Seiten, aber dafür echt heftige Remixe,
z.B. der „Silberfisch“-Remix von Immo, der auch auf unserer Platte „Fettes
Brot Für Die Welt“ drauf war. Das ist ein Klassiker.
Boris:
Ja, großartiges Stück Musik. Der Song war vielleicht kommerziell
ein Flop, …
Martin:
Bis heute versteht das keiner, weil unglaublich viele Leute immer sagen:
„Mein Lieblingslied von euch ist „Silberfische In Meinem Bett“.“
Boris:
… aber meine Theorie ist, dass zu der Zeit alle schon das Album hatten
und sich dann deshalb die Single nicht mehr gekauft haben.
Martin:
Das hat bestimmt noch die Albumverkäufe ein, zwei Plätze angekurbelt.
Boris:
Auf jeden Fall auch noch ein schönes Video: Wir sind nach Los Angeles
geflogen und haben da eine gute Zeit verbracht. Wir sind damals gerne verreist.
Björn:
OK, die nächste Single.
Martin:
Jetzt, wo unsere schwierige Phase kommt, würde ich mich gerne ausklinken,
weil ich tatsächlich noch was einkaufen muss.
Boris:
Ja, erst mal kam 1997 „Sekt
Oder Selters“.
Das war eine Idee, die uns während des Videodrehs von „Silberfische“
eingefallen ist, und wir haben dann eine Single zwischendurch gemacht.
Björn:
Da war „Sekt Oder Selters“ drauf und auf der B-Seite das Stück „Barbara“,
das wir von den Ärzten gecovert haben und im Remake ganz anders heißt:
„Was Hat Der Junge Doch Für Nerven?“
Martin
(hält für die Fotoaufnahmen noch eine Single lang durch): Stimmt
das überhaupt?
Boris:
Nee, das stimmt auch nicht.
Martin:
War da nicht „Nee, Sind Wir Nicht“ drauf?
Boris:
„Wir sind keine Zierde einer seefahrenden Nation.“
Björn:
Wenn, dann war nur das Instrumental davon drauf.
Martin:
Und das Instrumental von dem Ärzte-Stück.
Boris:
Ein schönes Video, wie ich finde. Während der Materialsichtung
für die DVD hab ich mir das noch mal angeguckt. Inhaltlich waren wir
...
Björn:
Fragwürdig.
Boris:
Wir waren damals leer. Wir hatten viele Sachen gemacht, viele Touren gehabt
und haben uns nicht genug Zeit gelassen, um wieder kreative Energie für
neue Songs zu schöpfen.
Martin:
Und live eine furchtbare, grottenschlechte Darbietung. Ich kann mich an
Auftritte wie Rock Am Ring erinnern, unser erster Auftritt auf einer Riesenbühne,
wo wir „Sekt Oder Selters“ das erste Mal gespielt haben.
Björn:
(lacht) „Der Teufel …“ (schief gesungen) – ein gruseliger Auftritt.
Martin:
Zum ersten Mal mit Absicht zu dritt Chorgesang im Refrain. Ich glaube,
es hat nicht gerockt.
Björn:
Nächste Single! Nächste Single!
Boris:
Ja, schwierig, aber nicht so schlimm im Nachhinein. Dann kam das Album
„Fettes Brot Lässt Grüßen“. Das war unsere schwierigste
Phase als Band. Wir hatten den ersten großen Erfolg hinter uns, haben
dann überlegt: Wo wollen wir hin? Wie sieht das mit der Hip-Hop-Szene
aus? Warum mögen uns die und die nicht? Wir haben uns aufs Land zurückgezogen,
um die LP zu machen, und da sind dann drei Singles entstanden: „Lieblingslied“,
Viele Wege Führen Nach Rom“ und „Können Diese Augen Lügen?“
Björn:
Wir haben mit „Lieblingslied“
angefangen. B-Seite davon war „Rock Mic’s“ im Remix, was sehr schön
geworden ist. Mehr aber auch nicht, wenn ich mich recht entsinne. Irgendwann
gab es noch mal einen Eins-Zwo-Remix. Ach nee, das war von „Sekt Oder Selters“.
Die nächste Single war dann sehr, sehr romantisch. Wir hatten das
Video zu „Lieblingslied“ in Rom gedreht. Wir wussten schon, dass „Viele
Wege Führen Nach Rom“
unsere zweite Single sein würde.
Auch
ein Klassiker, wenn ich das so sagen darf.
Björn:
Dankeschön. Kommerziell haushoch gefloppt.
Boris:
Das hat keiner verstanden damals, warum wir jetzt mit so einer Bossanova-Peitsche
um die Ecke kommen.
Björn:
Wir hatten uns das so vorgestellt, dass wir direkt von Rom aus weiterfliegen
nach Venedig, um dort im Anschluss daran das Video zu „Viele Wege Führen
Nach Rom“ zu drehen. Als wir am ersten Tag in Venedig aufgewacht sind,
sollte es dann losgehen. Wir waren ganz aufgeregt, hatten geiles Wetter
und was war: Unser italienisches Filmteam, das uns dort unterstützen
sollte, war abgereist.
Boris:
Mit allen Drehgenehmigungen im Gepäck
Björn:
Wir saßen auf einmal mit BSW, dieser deutschen Videofirma, in Venedig
ohne Dreh, ohne Leute.
Und
was habt ihr gemacht?
Boris:
Wir mussten abreisen, konnten nicht drehen. Wir mussten ein paar Wochen
später noch mal nach Venedig und haben das Video zu „Viele Wege Führen
Nach Rom“ dann auch da gedreht.
Björn:
Mit anderen Leuten zusammen, und das war dann eigentlich auch sehr nett.
Boris:
Es wird oft gesagt, das wäre unsere romantische Phase gewesen. War’s
wohl auch, wenn ich mir das im Nachhinein selber so anhöre. Dieser
Song ist extrem ausgefeilt produziert, wir waren auch echt stolz drauf.
Allerdings haben wir die Leute wohl damit überfordert, dass jetzt
so eine Rap-Band mit einem gesungenen Bossanova-Stück ankommt. Das
hat keiner verstanden. Für dieses Stück wurden wir extrem angefeindet.
Hat sich auch kein Mensch gekauft. Wir waren ein bisschen geknickt.
Björn:
Sind erst mal auf Tour gegangen, haben ordentlich die Bühnen gerockt.
Boris:
War eine geile Tour. Unser Album ist dann währenddessen gechartet,
irgendwie in die Top Ten, was uns zu dem Zeitpunkt sehr beruhigt hat, weil
alle Singles von dem Album gefloppt sind.
Björn:
Auch „Können
Diese Augen Lügen“
hat kommerziell gesehen nicht gerade Erfolge feiern können.
Boris:
Aber ein derber Live-Kracher, das Stück.
Björn:
Das nach wie vor. Das Video haben wir auf der Tour an einem Off-Day gedreht,
wo man ja normalerweise auf dem Hotelzimmer liegt und sich eine Pizza bestellt.
Wir sind stattdessen in eisiger Kälte über ein ehemaliges Rote-Armee-Kasernengelände
angekettet durch die Gegend gejagt worden. Das war echt sehr anstrengend,
aber es ist ein schönes Video geworden.
Boris:
Angst hatten wir, als wir auf einmal auf einer Panzermine standen. Da haben
wir uns doch etwas Sorgen gemacht, aber zum Glück ist keiner von uns
so schwer wie ein Panzer und das Ding ist nicht hoch gegangen.
Björn:
B-Seite von „Können Diese Augen Lügen“ war ein Remix? Nein.
Boris:
Doch, der Junkie-XL-Remix. Und der Remix von Willi, ein guter Remix, wie
ich finde.
Björn:
Stimmt, da haben wir extra einen Remix mit Kinderchor aufgenommen.
Also,
ich finde „Fettes Brot Lässt Grüßen“ ist fast mein Lieblingsalbum
von euch.
Boris:
Ist es? Ja, das sagen viele. Ich bin erstaunt. Wir waren damals unsicher.
Jetzt im Nachhinein betrachtet sind da auch einige geile Stücke drauf.
Aber für uns selber war es das zerrissenste Album. Danach kam lange
nichts, weil wir erst mal gesucht haben, was wir jetzt machen wollen.
Björn:
Wir haben auch extrem viel getourt. Wir waren ganz schön oft unterwegs.
Boris:
Und dann kam unser Befreiungsschlag mit „Da Draußen“.
Björn:
Nee, dann kam erst mal „Ruf
Mich An“.
Boris:
Ach, stimmt, da hast du recht.
Björn:
Obwohl wir mit „Sekt Oder Selters“ eher schlechte Erfahrungen gemacht haben,
haben wir uns wieder entschlossen, eine Single zwischen den LPs zu machen.
Wir haben uns dafür interessiert, James Last kennen zu lernen und
zu gucken, ob wir mit dem klar kommen. Und das klappte auf Anhieb so gut,
dass wir gesagt haben: „Toll, wir sollten mal probieren, einen Song zusammen
zu machen.“ Und das war auch kein Fehler, es war sehr schön. Man sieht
ja auch in dem Video ganz schön, was für eine tolle Zeit das
war. Das Gefühl hab ich zumindest. Wenn ich das Video sehe, spiegelt
es eigentlich ganz gut die Stimmung wider, die wir die neun Tage über
hatten, als der Song dort entstanden ist.
Boris:
Luxuriöse Aufnahmebedingungen bei ihm zuhause in Florida: Pool, Studio
direkt nebenan, neun Tage Zeit, also lockerer kann man eine Single eigentlich
nicht aufnehmen. Ich finde man hört einfach auch die Sonne von Florida
in dem Stück.
Boris:
Wir haben uns mit James Last angefreundet. Der war ein Musterbeispiel an
Gastfreundlichkeit. Wir waren mit zwölf Leuten da, mit Video-Team
und allem drum und dran. Wir saßen da an einer riesigen Tafel bei
ihm auf der Terrasse am Pool und haben Wein getrunken, und er stand mit
seiner Frau in einer offenen Küche und hat für uns gekocht und
Anekdoten aus seinem Leben erzählt. Es war echt eine großartige
Zeit, und wir sind uns da gegenseitig sehr ans Herz gewachsen.
Björn:
B-Seite war ein Remix des Songs, der komplett aus Samples vom James-Last-Orchester
bestand, was auch ganz lustig ist.
Boris:
Da ging’s uns dann langsam wieder besser.
Björn:
Das stimmt schon. Dann haben wir angefangen, an dem nächsten Album
zu arbeiten bzw. haben uns überlegt, dass wir gern ein Anthology-Album
machen würden. Wirhaben mal
alle B-Seiten, rare Stücke und unveröffentlichte Sachen ausgegraben
und uns auch sehr viel Zeit dafür gelassen, Bildmaterial, Fotos und
auch Texte zusammenzutragen. Zu dieser Doppel-LP gibt es dann auch ein
kleines Begleitheftchen, was ganz gut gelungen ist. Auf dem Album sind
drei neue Stücke drauf, die wir produziert haben. Wir mussten vielleicht
ein bisschen drauf gestoßen werden, aber wir hatten das Gefühl,
es wäre jetzt an der Zeit, die geballte Faust aus der Tasche zu nehmen
und zu zeigen, dass Battle-Rap eine unserer leichtesten Spielübungen
ist. Das haben wir dann auch gemacht mit „Da
Draußen“,
mit einem sehr klassischen Rap-Rap-Rap-Video mit Rap-Posing und S-Bahn-Fahren
und allem drum und dran. Das ist designtechnisch ein sehr schönes
Video geworden und ist auch kommerziell ziemlich erfolgreich gewesen.
Boris:
Ja, die Leute hatten Bock drauf, dass wir mal mit so was um die Ecke kommen.
Björn:
Die B-Seite war voller Remixes, allerdings sehr gute Remixes.
Boris:
Fünf waren es.
Björn:
Das war auch eine Platte, wo keine B-Seite entstanden ist, was natürlich
nach wie vor schade ist.
Boris:
Die Single war so eine Trotzreaktion, zwar nicht bewusst, aber wenn man
sich das im Nachhinein noch mal theoretisch überlegt, haben wir einfach
rausgeschrieen und gesagt: „Egal ob Erfolg oder nicht, wir hauen jetzt
einfach auf den Sack!“
Björn:
„Kommt doch her, ihr Spacken!“
Boris:
Und die Leute haben das auch gemocht, dass wir so abgingen. Das Anthology-Album
hat uns dann noch ein bisschen mehr Zeit zwischen den Alben gegeben, um
uns …
Björn:
… auf das „Demotape“ vorzubereiten. Das war die Zeit, in der wir unser
eigenes Studio hatten, nachdem wir ja mit verschiedenen Leuten wie Super
Mario zusammengearbeitet hatten. Zur Zeit von „Viele Wege Führen Nach
Rom“ gingen wir beide unsere eigenen Wege. Wir wollten andere Sachen machen
als er und umgekehrt. Da war der Zeitpunkt gekommen, dass wir gesagt haben:
„Wir machen jetzt unser eigenes Studio“, so dass wir alles bei uns zuhause
fertig machen. Sonst war es oft so, dass sich die Songs während der
Aufnahmen verändert haben, anders arrangiert wurden oder einen anderen
Sound hatten. Das fiel dann alles weg. Wir haben angefangen, bei uns alles
so vorzubereiten, dass es nachher tatsächlich so war, dass wir nur
noch woanders gemischt haben. Wir haben gemixt mit Sebi, der Produzent
und Mixer von Deichkind ist, im Boogie-Park-Studio hier in Hamburg, was
z.B. im Gegensatz zu deinem Lieblingsalbum von uns brillant derbe klingt,
einfach unglaublich kickt und geil gemischt ist.
Boris:
Der Unterschied zum ´98er-Album „… Lässt Grüßen“
war: Da haben wir uns zurückgezogen, waren grüblerisch und haben
überlegt. Beim „Demotape“-Ding war es das exakte Gegenteil: Wir haben
unser Studio direkt in der Stadt, wir sind ausgegangen, haben neue Leute
kennen gelernt, haben wirklich extrem am Leben mitten in der Großstadt
teilgenommen. Viele Leute waren zu Besuch, wir hatten ständig Gäste
da. Es hat tierisch Spaß gemacht, dieses Album zu machen. Wir hatten
einfach nur extrem Freude daran, Musik zu machen, und ich denke, das hört
man dem Album an und auch den Singles.
Vor
allem bei „Hier Drinne“, was eigentlich ein passender Singlenachfolger
zu „Da Draußen“ gewesen wäre.
Björn:
Ja, richtig. Dieses Wortspiel ist uns auch aufgefallen (lacht). Die Idee
ist uns sicherlich auch mal gekommen, aber als wir dann gegen Ende der
LP „Schwule
Mädchen“
hatten und gemerkt haben, was für ein Ungeheuer dieses Lied ist –
was passiert, wenn man das laut hört und was mit uns passiert – und
wir den ersten Schreck überwunden hatten, haben wir uns gesagt: „Okay,
das bringen wir als erste Single heraus.“ Weil das im Grunde auch – und
das sollte ja eine Single eigentlich immer – die Essenz eines Albums auf
den Punkt bringt. Und da haben wir nach einer Zeit dann doch alle gesagt,
dass „Schwule Mädchen“ die richtige erste Single ist. B-Seite war
„Das Neuste“, ein Song, der bei uns immer im Studio brachlag. Als dann
auf einmal noch eine B-Seite her musste, haben wir den einfach mal ratzfatz
aufgenommen und ich mag den total gerne. Ich finde, der ist total gut geworden.
Wahrscheinlich genau deshalb, weil wir …
Boris:
… nicht lange gefackelt haben.
Björn:
Genau, da hat sich jeder kurz hingesetzt – 24 Stunden haben wir uns Zeit
genommen – und noch ein paar Reime aufgeschrieben, die er hatte, und wir
haben ein bisschen herumexperimentiert.
Der
Text, wo Wattwürmer und Ned Flanders erwähnt werden, ist auch
ganz witzig.
Boris:
Mensch, da hast du ja aufmerksam gehört, muss man sagen.
Björn:
Ja, das ist echt eine charmante B-Seite. Eine gute Anekdote dazu: Ich rap
z.B. „Da des Deutschen liebstes Hobby Denunzier’n is’/ Steh’n die Leute
vor meiner Tür wie auf ‘ner Kirmes“. Daraufhin hat uns ein empörter
Zuhörer von Fettes Brot seine CD zurückgeschickt und gemeint,
er fühlt sich persönlich beleidigt, dass er da als Deutscher
als Denunziant beschuldigt wird.
Boris:
Aber ohne CD drin, nur die Hülle (lacht).
Björn:
Ja, das ist der Gag (lacht).
Boris:
Zweite Single war dann „Fast
30“
zusammen mit Skunk Funk. Das war die Tour-Single als „Schlechtwetterfront“,
die leider ein bisschen untergegangen ist.
Björn:
Das war zeitlich ungünstig geplant.
Boris:
Genau, die ist ein bisschen zerquetscht worden zwischen „Schwule Mädchen“
und der dritten Single, „The Grosser“. Nach wie vor aber großartig,
die Leute können es ja jetzt wieder auf der DVD bewundern. Ein geiler
Song.
Björn:
Auch ein Video, das sich auf jeden Fall lohnt. Es war bei der finanziellen
Planung relativ deutlich, dass es ein Guerilla-Video werden wird. Wir hatten
noch nie so einen kurzen Videodreh: Innerhalb von acht Stunden haben wir
einfach an einer geöffneten Tankstelle dieses Video gedreht, immer
wieder und immer wieder. Ich glaube, das Geheimnis war, dass wir einfach
unheimlich viel Material verbraucht haben, so dass der nette Felix von
BSW, der das Musikvideo geschnitten hat, einfach einen richtig guten Job
gemacht hat. Das macht dieses Video irgendwie so cool, und das macht Spaß,
es zu gucken. B-Seite war ein Remix und „Schlechtwetterfront“, der Tournee-Song.
Boris:
So hieß auch unsere Tour.
Björn:
Das war auch eine gute B-Seite. Es war eine gute Idee, zur Tour noch einen
Song zu machen, wo am Ende dann alle noch mal auf der Bühne sind.
Das schockt natürlich auch.
Boris:
Für die dritte Single zeichne ich verantwortlich: „The
Grosser“,
ein spontan entstandener Song. Ich hab das mal im Fernsehen im Original
gehört – sogar mit dem Original-Video, von dem ich nicht mal wusste,
dass es so was gibt – und hab ein paar deutsche Zeilen dazu gemacht. Die
Frau, mit der ich damals zusammen war, fand das total lustig und hat gesagt,
ich soll das doch mal machen als Song. Warum nicht? Ich hab die anderen
beiden gefragt, was sie davon halten, wenn ich das mache. Die meinten:
„Ja, ja, mach mal bloß.“
Björn:
Nein, nein, nein. Ganz so desinteressiert waren wir nicht.
Boris:
Nein, das sollte nicht so klingen.
Björn:
Ganz im Gegenteil: Wir haben dich total ermutigt und gesagt: „Das ist geil,
mach was draus. Das ist doch cool.“
Boris:
Genau.
Björn:
Denn so eine Coverversion ist ja immer ein zweischneidiges Schwert.
Zumal
das ja auch eines der bekannteren Lieder ist.
Boris:
Ja, ein Welthit, würde ich mal sagen. Dann bin ich nach Gießen
gefahren, weil da ein Kumpel wohnt, Arne von Montana Chromeboy, auch ein
Yo-Mama-Act. Da haben wir das zusammengenagelt. Wir waren in seinem Keller,
haben da abgehangen, haben produziert, ich hab gesungen. Das war total
gemütlich. Wir haben gut drei Tage gebraucht und haben viel gebastelt
und einfach gespielt. Er hatte da ganz viele alte Sachen stehen, so einen
Ventilator, durch den man durchsingt, der diesen Effekt für die Stimme
gibt. Ich hab das dann mitgebracht, es wurde von Sebi noch dick gemischt
und dann klang es auf einmal geil und wurde eine Single. Wir haben lange
diskutiert, was wir für ein Video drehen. Dann kam die Autoskooter-Idee,
die ich total geil fand. Ihr beide wart noch ein bisschen skeptisch zu
dem Zeitpunkt. Wir haben dann irgendwann gesagt: „Okay, egal, machen wir’s.“
Also, mit dem Ergebnis des Videos bin ich auch sehr zufrieden.
Das
ist das Video, wo man Björn mit Schnauzbart sieht.
Boris:
Genau, mit Schnauzbart und Zahnstocher (lacht).
Björn:
Richtig, deshalb war ich auch so skeptisch. B-Seite war „Der Hass Part
Two“ und „Freimarkt“.
Und
dieser tolle Remix von „The Grosser“, den ich besser finde als die Single-Version.
Boris:
Der Reggae-Remix.
Björn:
Ach so, richtig. Malte Hagemeisters erstes Werk für uns. Malte Hagemeister
ist auch die perfekte Überleitung zu unserer aktuellen Single. Er
hat den Soundtrack zur DVD und eben auch die Musik zu „Welthit“
gemacht.
Boris:
„Welthit“, unsere neue Single: geiles Video, Woodstock is still alive. Da
haben wir lange dran herumgebastelt. Wir hatten das Stück einmal komplett
fertig, haben es dann weggeschmissen, weil es uns nicht gefallen hat und
haben dann ein komplett neues Stück gemacht. Das ist „Welthit“ geworden.
Einmal waren wir ganz schlecht drauf, weil wir das alte Lied scheiße
fanden, waren geknickt und einmal ganz gut drauf, weil wir ein richtig
geiles neues Lied draus gemacht haben. Mal sehen, was mit „Welthit“ so
passiert.
Björn:
B-Seite sind drei Solo-Stücke. Wir hatten zeitlich praktisch die Auswahl
zwischen einem gemeinsamen Stück oder dem, was jeder so gerade im
Kopf hat. Es war auch wieder – wie sooft bei B-Seiten – alles unter Zeitdruck:
Ah, dann und dann soll die Single rauskommen, dann ist das Video und zwischen
Videodreh und Covergestaltung noch mal schnell eine B-Seite aufnehmen.
Ich finde eigentlich, das ist immer ganz gut. Vielleicht ist das der Arschtritt,
den man braucht, um sich dann wirklich hinzusetzen und den Song mal schnell
runterzuschreiben.
So
wie bei „Das Neuste“?
Björn:
Ja, genau. So sind diese drei Songs auch wieder entstanden, die sehr unterhaltsam
sind, gute B-Seiten.
Boris:
Genau, das ist dann Single 16 und unsere bisher letzte Single. Aber: Zehn
Jahre Fettes Brot ist noch lange nicht genug, es wird noch viele Singles
von uns geben. Das nur als Versprechen zum Schluss.
Das
ist ein gutes Schluss-Statement. Vielen Dank.
Boris:
Danke auch. Dann entlasst ihr uns jetzt in unseren Feierabend.
Björn:
Nicht schlecht, ihr musstet eigentlich kaum reden.
Boris:
Ja (lacht).
Björn:
Anhand dieser Singles haben wir uns einmal komplett durch die ganze Geschichte
durchgesabbelt.
Interview:
Robin Jeganathan/Susanne Müller
Fotos:
Susanne Müller
Aktuelle
DVD/CD: „Amnesie“ (Yo Mama/Capitol)
Aktuelle
Tourdaten:
Fettes
Brot
20.03.03
- Flensburg
/ Volksbad
20.04.03
- Trier
/ "Ostern-Nein Danke"-Festival
22./23./24.05.03
- Ruhrfestspiele Marl
/ Schachtanlage Auguste Victoria
Fettes
Brot & Die Herren: Gala-Tour
– In festlichen
Sälen werden Fettes Brot, begleitet von einer Rhythmusband, sowohl
ihre eigenen Werke als auch verblüffende Cover von Lieblingsstücken
zum Besten geben. Es werden Filmeinspieler mit eingebaut und ein noch unbekannter
Entertainer wird durch das Programm führen.
01.04.03
- Darmstadt
/ Centralstation
02.04.03
- Köln
/ Gloria
03.04.03
- Düsseldorf
/ Savoy
04.04.03
- Bremen /
Modernes
05.04.03
- Zwickau /
Gasometer
06.04.03
- München
/ Volkstheater
08.04.03
- Halle/S
/ SteintorVariete
09.04.03
- Dresden
/ Staatsschauspiel
10.04.03
- Erfurt
/ Brettl
11.04.03
- Berlin
/ BKA-Zelte
14.04.03
- Hamburg
/ Schauspielhaus