The Boys Are Back In Town
Vor fünf Jahren machte das Jeans Team schon einmal
Furore. Der Berlin-Hype hatte - sehr zum Ärger des Rests der Republik -
Deutschland fest im Griff und die Medien waren voll des Lobes für die minimalistischen
Elektro-Experimente, die nur zu gut zum neuen Berlin passten. Mit ihrem Debüt
brachte es das Jeans Team sogar bis aufs Cover der Spex, was damals durchaus
etwas bedeutete. Dabei wurde gern übersehen, dass Ding Dong
vor allem Stückwerk war: eine fahrige Aneinanderreihung von Ideen, schwer
zugänglich und nur im Zustand äußerster Intoxikation in einem
Zug zu genießen. Selbst Vergessen und Keine Melodien
brauchten erst noch ein gewisses Tuning, bis sie zu den großartigen Hits
wurden, zu denen eine Weile lang die Besoffenen in Clubs rund um die Welt wild
abtanzten. Die späteren Hits zeigten jedoch klar das Potential, das im
Jeans Team steckte, und bewiesen zugleich, dass Deutscher Elektropop auch im
Ausland konsensfähig ist. Mit ihrem neuen Album Musik Von Oben
wird ihnen nun der internationale Durchbruch vorausgesagt.
Dass man sich den gut vorstellen kann, liegt vor allem an Ihren grandiosen Live-Auftritten.
Wer das Jeans Team im letzten Jahr einmal in Aktion gesehen hat, kennt nicht
nur den Muskelkater in Beinen, sondern glaubt wirklich fest an den nahenden
Erfolg. Zwar geben sich die Jungs auf der Bühne zuweilen ein bisschen spleeniger
als sie es in Wirklichkeit sind. Doch gerade diese wohl dosierte Exaltation
gepaart mit der charmant-spießigen Niedlichkeit, die ihnen anhaftet, macht
das Jeans Team zu den Lieblingen des Publikums. Zugleich zeigt sich erst auf
der Bühne wirklich, wie geschickt sie klassische Elektro-Beats mit exotischen
Klängen aus aller Welt zu verbinden wissen, um dabei erstaunlicherweise
so authentisch zu klingen, dass man bei einem Stück wie Boat Music
meint, in Kürze würde Art Garfunkel mit seinem You Can Call
Me Al einsteigen. Wer auf einem der frühen Schrammel-Konzerte war
und Franz noch den Staubsauger schwingend aus Bremer Schulbandzeiten kennt,
kann ob dieser Entwicklung nur staunen. Doch nicht nur auf der Bühne haben
die Jungs über die Jahre hinweg ordentlich zugelegt, auch auf Platte klingen
sie wesentlich gereifter und neuerdings erfreulich homogen.
Auf Musik Von Oben sind Instrumentierung und Arrangements
endlich nicht nur ideenreich und raffiniert, sondern vor allem auch in sich
stimmig und angenehm unverkrampft. Und auch wenn die Single Berlin Am
Meer in den Clubs in Berlin Mitte wahrscheinlich frenetisch gefeiert wird,
klingt Musik Von Oben wesentlich mehr nach großer weiter Welt
als nach Hauptstadt. Die Beats sind mal hart, schnell, laut und präzise,
mal vertraut, entspannt und melodisch. Exemplarisch sei nur das treibende Oh
Bauer genannt, von dem man sich zuweilen eine zehnminütige 12
Version wünscht und welches sich so wunderbar für einen Chemical Brothers
Remix eignet. Der Song kickt verdammt noch mal Arsch! Vor diesem Hintergrund
wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass die notorischen deutschen Nörgler
und Kritiker die Platte als zu glatt, ideenlos und belanglos verschreiben. Doch
außer Ines Lutz aus der Lindenstrasse, die in Platten vor Gericht (Intro
Dez. 2004/ Jan. 2005) so schön argwöhnte Achtung, diese Platte
ist nur für literarisch gefühllose. Allen anderen wird die Wortwahl
der Texte körperliche Schmerzen zufügen. (0 Punkte), scheint
fast ganz Deutschland seinen Frieden mit dem neuen Jeans Team gemacht zu haben.
Dass der heimatliche Durchbruch dennoch auf sich warten lässt, liegt insofern
wohl vor allem am Timing. In einer Zeit, in der sich plötzlich alles auf
Deutschrock mit mehr oder minder guten Texten konzentriert, ist der Bedarf an
Beats eher verhalten. Da ist es ziemlich egal, ob diese von unten oder von oben
kommen und wie genial sie eigentlich arrangiert sind.
Daniel Schulze
Aktuelles Album: Musik Von Oben (Louisville/Universal)