KETTCAR

Erst in die Hölle und dann zu Ikea

Irgendetwas stimmt hier nicht. Das ausverkaufte Haus lass ich mir ja noch gefallen. Die mitsingende Meute erst einmal auch. Dennoch läuft hier irgendwas falsch. Sind es die Zwanzigjährigen, die eifrig von der Bühne hopsen, weil sie glauben, so ist das auf Rockkonzerten nun mal? Man war beim Einkleiden zuhause doch noch so sicher, später nur auf alternde, schwarze Rollkragenpullis tragende Saab-Fahrer zu treffen. Und jetzt wird das Publikum zur Bühne hin nicht nur immer kleiner, sondern auch immer jünger. Irgendwie fühlt man sich fast genau wie vor einem Jahr, als es Wir Sind Helden waren, die auf der exakt gleichen Bühne gegen die Masse ansangen. Was ist hier nur los?

Drei Erfahrungen weiter
Ein Kettcar Konzert mag verwundern, in jedem Fall lässt es einen erstaunt zurück. Überhaupt sind Kettcar ein Phänomen, wie man es lange nicht mehr im Musikgeschäft gesehen hat. Denn aus Sicht eines Dreißigjährigen sind Kettcar die deutsche Band neben Blumfeld oder Kante, die es wirklich schafft zu berühren. Die Texte holen dich morgens vor der Arbeit ab und bringen dich abends befreit ins Bett. Dazwischen jede Menge Balsam für die abgespannte Seele. Doch die parolenartigen Texte scheinen nicht nur bei der Generation Golf anzukommen. Der immens große Erfolg Kettcar’s misst sich vielmehr daran, dass gerade auch die jüngeren, jungen und offensichtlich auch ganz jungen Bundesbürger ihren Gefallen an klugen Texten finden. So darf sich die Band mit E-Mails 14jähriger Mädchen auseinander setzen, die ach so gern aufs Konzert wollen, aber doch nicht dürfen, weil - dem Ausschank von Alkohol sei dank - Einlass den Sechzehnjährigen vorbehalten ist. Dass Kettcar bereits als „Pur für Alkoholiker“ verschrien wurden, wird den Teenies wohl auch kein Trost sein.

Du Bist New York City, und ich bin Wanne-Eickel
Verwundern kann auch die Presse. Etwa Berichte in der FAZ oder den Tagesthemen, die vor allem deswegen zustande kamen, weil sich die zuständigen Redakteure bei der Band meldeten - und nicht wie üblich die Promo-Agentur mit zahlreichen E-Mails und Anrufen genervt hat. Und so ist der momentane Erfolg der Hamburger Band vor allem ein Erfolg der Musik über das System. Denn Kettcar und das Mini-Label Grand Hotel van Cleef hievten völlig an der Industrie vorbei ihr zweites Album in die Charts. Natürlich schwimmt Kettcar auf der momentanen Deutschrock-Welle. Und natürlich haben auch Kettcar irgendwie PR gemacht. Doch die große Promo-Maschinerie, mit denen die Industrieriesen ihre Bands normalerweise in den Markt drücken, blieb aus - von welchem Geld sollte man sie auch bezahlen.

Ich würd aufhören, wenn aufhören heißt: es hört auf
Der Erfolg Kettcar’s erinnert ein wenig an den Erfolg der deutschen Popautoren und lässt für die Zukunft deutscher Musik hoffen. Zwar schlagen hunderte von Kettcar Fans, die feierlich jeden einzelnen Song mitsingen, zuweilen etwas aufs Gemüt. Doch ihre Textsicherheit sagt viel über das Potential qualitativ hochwertiger Musik aus und in Deutschland. Dass die hartgesottenen Indie-Fans von Ausverkauf sprechen und sich schon wieder von Kettcar verabschieden ist in diesem Zusammenhang eher eine Marginalie. Wie wir wissen ist es schließlich besser für das was man ist gehasst zu werden als für das was man nicht ist geliebt zu werden.

Silke Steemann

Aktuelles Album: „Von Spatzen Und Tauben, Dächern Und Händen“ (Grand Hotel Van Cleef/Indigo)


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