Popmusik ist ja immer eine höchst romantische Angelegenheit

Deutsch-Pop ist in. Da gibt's keine Diskussion. Die Band ‚Klee' - "aus Köln, nicht aus Berlin. Das wollte ich nur mal sagen" - gibt's aber schon länger. Szene-Veteranen kennen sie noch als ‚Ralley'.

Vor einigen Jahren war diese Musik noch völlig exotisch. Deutsche Texte, bisschen Gitarre, bisschen Synthie. "Böse Leute sagen, wir seien ein Cardigans Abklatsch auf deutsch. Mit viel Orgeln und Vibraphonen. Ohne Computer war das früher, Gitarrenpop eben. Sehr 60ies". Sten Servaes, der mit den Keyboards, sitzt neben mir auf einer Treppe in einem der winzigsten Clubs der Stadt. Ein bisschen staubig am Boden, jeder hat sein Bier in der Hand. Als hätte jemand ein Stillleben namens Indiepop gezeichnet. "Gut, wir waren fünf Jahre zu früh dran, jetzt ist das ja der Renner. Es ist schön, dass das jetzt mehr Bands machen, früher gab's das ja gar nicht, mal abgesehen von Hamburg". Die Band hieß, wie gesagt, nicht immer ‚Klee'. Früher waren Tom, Suzie und Sten zu dritt ‚Ralley'. "Ralley war ähnlich, wie ‚Virginia Jetzt!' nun sind. Die haben sich ja auch mal als Ralleyfans geoutet. Wir haben mal zusammen in Berlin aufgelegt, war sehr nett". Dann hat sich der Sound verändert. Weniger Rock, mehr Elektro. Der Grund für die Veränderung lag in einer bitteren Kombination von Schicksal und Schaffenswillen. "Die Band hatte damals einen Autounfall, keiner weiß, was genau passiert ist. Wir kamen von der Straße ab und fanden uns im Krankenhaus wieder. Wir hatten uns mehrfach überschlagen. Tom und ich mussten zwei Monate im Krankenhaus bleiben. Es dauerte Monate, bis wir wieder laufen konnten. Da Untätigkeit auf Dauer langweilig ist, machten wir uns musikalisch an den Computern zu schaffen. Ich bin ja eigentlich Schlagzeuger, aber was herauskam hat uns gefallen". Vielleicht wieder ein Beispiel für eine Stadt die ihre Künstler prägt. "Da sind so elektronischere Sachen entstanden, Köln ist ja schon als ne Elektronikstadt bekannt. Peter Licht und so weiter, der ist ja auch toll. Ich sag mal, das hat sich dann so befruchtet. Wir kamen dann gar nicht mehr ohne die Synthesizer aus". Der neue Klang konnte dann nicht mehr den alten Namen tragen. "Wir haben aber nie definitiv die Band Ralley für tot erklärt. Aber es gibt eben Sachen die nur für bestimmte Bands geeignet sind. Und der Sound war eben nicht mehr Ralley". Deutsche Texte sind auch immer so eine Sache. Plötzlich versteht jeder, was man sagt. Was nicht immer heißt, dass auch verstanden wird, was gemeint ist. "Deutsch ist auch superkonkret, da werden erst die Texte reflektiert. Wir haben uns bemüht, Text und Musik zusammenzukriegen. Es war eine Herausforderung. Am Anfang ist man auch erschrocken über die eigenen Worte, wenn die dann so im Raum stehen. Musik hat ja auch eine englischsprachige Tradition. Da hat man dann erst ein komisches Verhältnis dazu, wenn die Gewöhnung ans Englische zu stark ist. Früher hatte ich ein Problem mit Blumfeld, weil die Deutsch gesungen haben. Aber gerade diese Schwierigkeit des Deutschen ist ja auch ein Anreiz. Es ist ein ästhetisches Mittel. Es klingt komplett anders, es ist eine andere Kraft vorhanden". Ein ästhetisches Mittel das dann zum Einsatz kommt, wenn der Ausdruck das Ziel wird. "Früher haben wir noch auf englisch gesungen, vielleicht wären wir ja mal international erfolgreich geworden und so". Ein Hauch Eigenironie, hat eben noch keinem geschadet. Er führt bisweilen zu der Erkenntnis, "dass es um den Erfolg gar nicht geht". Vielmehr um Aussagen, um Innerlichkeit. ‚Neue Innerlichkeit' steht auf der Homepage der Band, ‚Neue Heimat' heißt ein Sampler, auf dem die Band vertreten ist. Die Neuentdeckung der eigenen Sprache? "Es gibt halt keine Tradition, auf die man mit deutschem Pop aufbauen kann. Nur NDW. Das hat wohl damit zu tun, dass man im Englischen schon so ne Ästhetik hat und im Deutschen geht's mehr um Inhalte. Mit der Neuen Innerlichkeit hat das wohl auch was zu tun". Ist Neue Innerlichkeit das musikalische Gegenstück zur literarischen Romantik? "Romantisch ist das ja dann von selber. Popmusik macht man auch ja auch aus lauter Romantik". Margot Wilhelms


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