Indie-Deutschlands Superstars?
Während Trainingsjackengitarrenmusik aus Hamburg seinerzeit eher von melancholischem Happy to be Unhappy beseelt war, war und ist die süddeutsche Variante für gewöhnlich etwas lebensfroher. Nova International, stets frisch gekämmt und das Plakat in kräftigstem Magenta, treiben die Sache allerdings ein wenig auf die Spitze. Nicht, dass man sich nicht freuen würde, wenn die breite Masse auch mal anständigen Indiepop zu sich nimmt, aber im Fall von Nova International scheint es eher so, als würde der Indiepopper nun den Mainstream schlucken müssen. Nova International ihrerseits finden das nicht weiter problematisch. Nicht-Sänger-Michi erzählte ein paar Dinge zu Sein und Werden der Band und der Frage nach der Trennung von Mainstream und Indie.
Michi: Wir waren auch in Zeitschriften wie Yum oder Joy drin, ich finde das okay, wenn die Leute Spaß an unserer Musik haben. Da haben wir dann kein Problem damit, in Mainstream Heften zu stehen. Von der Spex haben wir schon erwartet, dass die nichts schreibt.
Dass Nova International der eingesessenen Trainingsjacke nicht zusagen würde, wurde bereits geahnt. Vielleicht auch bewusst provoziert. Lustige Lieder oder Texte mit Inhalt? Laut Michi eine Frage des Gesamtkonzepts:
M: Wir haben erwartet, dass die Indiefanzines das nicht so gut finden. Zum Beispiel den Song "Dance In Berlin". Uns hat das gefallen, lustiger Text, fröhlicher Song. Aber viele haben das gleich auf den Berlin-Hype abgestellt. Also, viele der Kritiker, denke ich, haben halt die ersten zwei Songs gehört, dachten sich, aha Pop, und fertig. Wenn man sich das ganze Album anhört, merkt man, da ist schon ein bisschen mehr dran. Es polarisiert ziemlich, aber dafür gibt's dann auch Leute, die das richtig geil finden.
Reime wie "Blond girl you are my Bond girl", sind nun sicherlich nicht das ideale Beispiel für "ein bisschen mehr dran", werden aber durchaus glaubhaft untermalt durch ein wenig Bühnenshow mit viel Nebelmaschine zu Beginn und großer Ansage. "I wanna be a Star right now!". Schneller, höher, weiter... . Wohin?
M: Im Endeffekt sind solche Bands erfolgreich, die krasser sind, als alle anderen. Irgendwas total schräges. Ich denke, es geht bei uns darum diese musikalisch einzigartige Mischung zu finden. Es soll auch so ein Lebensgefühl vermitteln, Unsere Musik hat Melancholie und gute Laune, und wir leben das ja auch, was wir musikalisch rüber bringen. Wir hätten ja auch ne Banklehre machen könne, wenn wir das gewollt hätten, oder studieren oder so. In finanzieller Hinsicht wäre das wohl besser gewesen, aber wenn man jung ist, muss man halt Gas geben und seine Träume leben.
Ab nach oben. BMG hat eine Menge Geld investiert, die T-Shirt Ausstattung des Merchandising Standes gleicht dem einer etablierten Boyband, die CD wird von einem Kopierschutz bewacht. Der Erfolg scheint ihnen Recht zu geben, selbst der ansonsten mainstreamlastige Lokalsender Augsburgs, Radio Fantasy, der Heimatstadt der Novas, hat Gefallen am Popsound zwischen Szenestyler und Mädchenschwarm gefunden. Die große Radioliebe ist jedoch FM4, ein österreichischer Jugendsender, der das ganze Land mit Musik von Tocotronic bis I-Wolf versorgt.
M: FM 4 ist klasse. Wir hatten in Österreich dann auch ziemlich Erfolg, wenn man da ein Konzert spielt, merkt man das gleich, dass FM 4 "Favorite Girl" rauf und runter spielt. Die haben da richtig Gas gegeben. In Deutschland ist die Radiolandschaft ja nicht so der Bringer. Grad, weil es keinen Sender gibt, der im ganzen Bundesgebiet sendet und ein Jugendformat hat. Die Privatsender müssen halt schauen, dass sie die Chartsachen spielen, damit sie sich halten können.
Nova International liefern nicht als Einzige Musik aus Augsburg. Anajo zum Beispiel wird schon länger ein Platz auf der Heft-CD der "visions" versprochen und Roman Fischer macht sich derweil auf Festivals und zum Teil als Vorprogramm von Tomte bekannt. Thees Uhlmann findet nicht nur die Musik klasse: "Roman, dein Name ist ideal. Seltener Vorname, außergewöhnlicher Nachname. Weiter so!" Eifersuchtsszenen in Schwabens kleinen Szenekneipen? Laut Michi keine Spur.
M: Kann sein, dass in Augsburg ein paar eifersüchtig auf unseren Erfolg sind. Aber ich hab bislang noch nichts mitbekommen, also Anajo zum Beispiel, die sind ja echt nett und der Roman Fischer startet ja auch grade ziemlich durch auf Tour. Ich denke, wenn eine Band sich leidenschaftlich in ihre Sache reinhängt, dann soll die auch Erfolg haben und ich finde dass dann schon auch klasse und freu mich für die anderen mit, wenn die was erreichen.
Nova International sind jedoch zweifelsohne schon am weitesten gekommen. Mit Phil Vinall, einem bestens bekannten Produzenten, haben sie ihre gesammelten Werke zu einem Ganzen verarbeitet.
M: Mit Phil hatten wir ne klasse Zusammenarbeit. Der hat ja schon viele britische Bands produziert, Placebo zum Beispiel. Die ganzen Songs, die bei uns so in vier Jahren entstanden sind hat er unter einen Hut gebracht und hat es geschafft, da einen roten Faden rein zu bringen. Also, er hat nicht gesagt, Jungs, das machen wir jetzt ganz anders. Aber wenn man sich das Album anhört, dann denke ich, hat man schon gehört, dass da eine Hand drauf liegt. Die Klangästhetik insgesamt meine ich. Unsere Band besteht ja auch aus ziemlich verschiedenen Charakteren und da war das dann schon nicht schlecht. Es ist eine Handschrift, die sich durchzieht, zwar eher britisch, aber auf keinen Fall amerikanisch. Eine richtig deutsche Band sind wir nicht. Phil war das aber schon recht, mal mit einer Band zusammenzuarbeiten, die nicht aus Großbritannien ist, ist ja doch immer der gleiche Sound sonst. Wir haben etwa 100 Tage an dem Album produziert. Von Januar bis Mai 2002 waren wir damit beschäftigt, Vorproduktion, Aufnahme und so weiter. Wir waren in Düsseldorf und Frankreich hierfür. Frankreich war toll auf dem alten Bauernhof, so fernab vom Schuss.
<1998 ging es für Nova International, damals noch kurz "Nova", los. Band des Jahres Wettbewerb gewonnen, Produzent und Plattenfirma begegnet. Trotzdem hat es bis 2003 gedauert, bis nach dem kleinen, sieben Tracks langen Album im Pappschieber, "Nova 2", das Debüt "Nova International" folgte. Weniger schlicht, mit knalligeren Farben.
M: Alaska Winter haben uns Stück für Stück die Augen für das Wesentliche geöffnet und auch Wege gezeigt, Olaf Opal, der Produzent aus Düsseldorf nahm dann mit uns Kontakt auf, dann sind wir bei BMG gelandet. Wir haben auch geregelt, dass wir ein Mitspracherecht haben, also bei der Covergestaltung und so. Das ist auch ein Grund gewesen, warum wir zu BMG sind, weil wir uns mit unserer CD auch in der Gestaltung und so schon identifizieren wollen und die haben das halt ermöglicht.
Trotzdem, ganz in die Schiene des deutschen Gitarrenpop, passen Nova International nicht. Wollen sie auch gar nicht. Und deutsche Mentalität ist sowieso was ganz anderes. Und die deutsche Trennung zwischen Indie und Major ist für Michi eher unverständlich.
M: Wir unterscheiden uns schon von deutschen Gitarrenbands, uns ist die Vielseitigkeit wichtig. Gut, was ist deutsch, das ist schwer, unter einer typisch deutschen Mentalität versteh ich diesen Vorgarten mit Zwerg. Also andere deutsche Sachen, so Rammstein oder Scooter, dass ist so schräg, das haben die in USA nicht, deshalb gefällt das denen wohl. Es ist halt schon wichtig, dass man als Band seinen eigenen Stil hat, sonst geht man unter. Im Endeffekt sind wir bei unserem Sound angekommen, das ging recht schnell, wir wurden dann in der Szene gehyped, das ist so eine Sache, die es wohl nur in Deutschland gibt, diesen Unterschied zwischen Indie und Major Labeln. Wenn man nicht in so ner Hardcoreszene ist, dann muss einem das aber nichts ausmachen, Leute die's gut finden, sollen's gut finden.
Dass Nova International so arrogant sein, wie vielfach behauptet wird, kann ich nicht bestätigen. Eigentlich sind sie ein richtig netter Haufen. Aber sicherlich eine ganze Nummer kleiner, als der Hype vermuten lässt.
Margot Wilhelms