Der Sommer in Kiel ist ja ohnehin immer so eine Sache, aber in diesem Jahr endet die Regenrinne Gottes mal wieder über der Förde. Auch wenn der Wetterbericht eigentlich anderes verspricht, empfängt uns Roskilde nach atemberaubender Querung des kleinen und großen Belts mit Sonnenschein. Nach zügigem Aufbau des Zeltes trinken wir unser erstes Festival-Bier unter blauem Himmel. Noch ist nicht abzusehen, dass die trockenen Momente während der nächsten Tage rar gesäht sein werden.
Donnerstag fahren wir zunächst nach Kopenhagen. Zum ersten Mal nach langer Zeit gelingt es nicht, einen einzigen ansprechenden Plattenladen aufzutun. Erste Wolkenbrüche stimmen auf die kommenden Tage ein und unsere Rückfahrt endet im Festivalstau. Gerade noch rechtzeitig finden wir uns in der Arena zum ersten Konzert der Bostoner Irish-Punks Dropkick Murphys ein. Die Jungs sehen zwar aus wie eine üble Horde tätowierter Hooligans, bringen aber mit ihrer Mischung aus Old-School-Punk, East-Coast Hardcore und keltischem Pub-Rock schnell die Massen in Bewegung. Außer uns scheinen ohnehin alle Anwesenden ausgesprochen textsicher zu sein und die stereotypen Posen der sich verausgabenden Bandmitglieder werden entsprechend abgefeiert. Erster Höhepunkt ist die vor kurzem aufgenommene Stadionhymne für die Baseballmannschaft der Boston White Sox. Fast scheint es, als sei das Publikum durchweg von Dauerkartenbesitzern durchzogen. Als Zugabe gibt es, begleitet vom mächtigen Dudelsack, "Fairytale of New York" von den Pogues. Weihnachten Anfang Juli - und alle feiern mit. Im Anschluss wandern wir zufrieden durch die Korn erwartende Menge vor der Orange Stage und schauen bei den Ricochets aus Oslo vorbei. Deren 60er Garagenrock schrammelt ordentlich nach vorne los, während die Orgel für die psychedelischen Momente sorgt. Eine solide Vorstellung, die diesen Tag beschließen soll.
Schon am frühen Freitagnachmittag stehen wir im halbgefüllten Odeon vor der Bühne, um das englische Trio The Hells zu begutachten. Das Programm spricht von einer Mischung aus Chuck Berry und den Cramps. Wir erwarten eine wilde, explosive, sexy und dreckige Bühnenshow, doch die Band bleibt blass und erinnert eher an eine brave Ausgabe der White Stripes. Diese Hölle kann nicht wirklich erwärmen, so dass wir zu Silver aus Norwegen in der Arena weiterziehen. Hier erwartet uns ausgemachter Glam-Punk-Schweine-Rock'n'Roll der Spitzenklasse. Keine Ahnung, warum diese skandinavischen Bands immer aussehen, als würden sie ihr Geld statt für Nahrung lieber für körperdeckende Tätowierungen ausgeben. Dafür sparen die fünf Jungs weder an Pyrotechnik noch an ausgefeilten Gitarren-Synchron-Posen. Beide Daumen nach oben für den Unterhaltungswert. Vor dem Auftritt von Graham Coxon werfen wir schnell noch ein Tuborg ein, um eventuellen Eskapaden besser standhalten zu können. Doch wider Erwarten entwickelt sich das Konzert zu einem echten Highlight des Festivals. Coxon hat alle Lo-Fi-Elemente aus der Setlist gestrichen, plaudert sogar charmant mit dem Publikum und rockt mit "Escape Song", "Bittersweet Bundle Of Misery" oder "That's When I Reach For My Revolver" das Zelt. Irgendwie schade, dass dieses Songwriting-Potential seinen ehemaligen Kollegen abhanden gekommen ist. Danach erfahren wir, dass David Bowie aus gesundheitlichen Gründen seinen Auftritt leider absagen muss. Stattdessen spielen nun die fürchterlichen Slipknot. Es bleibt wenigstens noch Zeit für ein weiteres Bier, bevor wir zu den Pixies aufbrechen. Frank Black wirkt noch angedickter als in der Erinnerung und Kim Deal ist und bleibt die mit Abstand coolste Frau im Gitarrenrock. Von "Gigantic", "Here Comes Your Man" bis zu "Velouria" und "Debaser" oder "Alec Eiffel" werden keine Hits ausgelassen. Um uns herum feiern sechszehnjährige Kids auf dem Rückweg vom Avril Lavigne Auftritt zu "Monkey Gone To Heaven". In diesen generationenübergreifenden Momenten wirken die Pixies ein wenig wie die Rolling Stones des Indierock. Trotz Temperaturen im einstelligen Bereich und aufziehenden Regens ein unvergessliches Konzert. Den nachfolgenden Auftritt der Hives schenken wir uns, da eigentlich an diesem Tag nichts Besseres mehr kommen kann.
Ein morgendlicher Blick aus dem Zelt am Sonnabend lässt bei der Stärke der Schauer für den bereits aufgeweichten Boden des Festivalgeländes nichts Gutes erahnen. Nach einem wärmenden Kaffee schauen wir erst einmal bei der Royal Danish Opera herein. Auf dem Programm stehen Werke von Rossini, Verdi und Wagner. Das Orchester und der 60-köpfige Kammerchor begleiten die verschiedenen hochklassigen Solisten, die von der Menge begeistert angenommen werden. Typisch skandinavisch. Sehr pointiert erklärt der ungefähr 35-jährige musikalische Leiter des Hauses in Jeans und T-Shirt nicht nur den Inhalt der Arien, sondern auch den übergreifenden Sinn und Zweck der Oper als Raum für die ganz großen menschlichen Gefühle. Genau die richtige Einstimmung für I Am Kloot, deren Konzert den Anfang eines wirklich feinen Gitarrenpop-Tages bildet. Sänger John Bramwell freut sich, endlich bei den "filthy Danish perverts" auftreten zu können, während Bassist Pete Jobson die ganze Zeit auf seinem mitgebrachten Stuhl verharrt und eine Zigarette nach der anderen wegqualmt. Songs wie "To You", "From Your Favourite Sky" oder "Morning Rain" kommen live wesentlich krachiger daher, ohne die ruhigen Momente in den Hintergrund zu drängen. Leider vergeht die Zeit viel zu schnell, aber anschließend steht schon Lali Puna auf dem Zettel. Mit Markus Acher und Christoph Brandner aus der Notwist/Console-Kommune spielen hier zwei Musiker zusammen mit Valerie Trebeljahr, die deutlich ihren Sound einbringen. Natürlich blubbert und knackt es aus dem Notebook, aber alles wirkt eine Spur leichter und tanzbarer als man es aus Weilheim ansonsten gewohnt ist. Die rhythmischen Klangteppiche werden teilweise minutenlang ausgedehnt. Man wünscht sich bisweilen, es wären bereits vorgerückte Stunden angebrochen und man selbst noch ein wenig empfänglicher für den Beat. Nachdem die Stecker aus den Computern gezogen sind, machen wir uns zu Iggy & the Stooges auf. Mit seinen 57 Jahren ist Herr Pop noch immer nicht zu bremsen. Zu "Raw Power" oder "T.V. Eye" springt und zuckt er mit obligatorisch freiem Oberkörper über die Bühne, bis ihm die Jeans über die nichtvorhandenen Hüftknochen rutscht. Und während er bei "I Wanna Be Your Dog" sein Gemächt an den Monitorboxen reibt, verlassen wir wegen sinnflutartiger Gewitterschauer den Ort in Richtung Kings Of Leon. Die vier Followill-Söhne und -Neffen eines Wanderpredigers aus Tennessee klingen nach den Black Crows, Lynard Skynard und Jack Daniels. Genau richtig, um auf besseres Wetter zu warten und durch den zentimetertiefen Schlamm zum Pavilion zu stapfen.
Wir verpassen zwar Bergman Rock (ehemals Bob Hund) aus Schweden, werden dafür aber von The Shins auf eine musikalische Reise an die Strände Kaliforniens mitgenommen. Der Sommerpop ihres letzten Albums "Chutes Too Narrow" scheint sich auch in Skandinavien großer Beliebtheit zu erfreuen, ist doch das kleine Zelt zu unserem Erstaunen völlig überfüllt. Auch die Band scheint ob des Zuspruchs total überrascht: "That's amazing 'cause we haven't been in Europe … for three weeks." und spielt neben den neuen Songs auch ihre erste Platte "Oh Inverted World" komplett durch. Schließlich wird auch die überforderte Ansagerin durch die Rufe des Publikums zum Verlassen der Bühne bewegt und den geradezu gerührten Jungs noch einmal Platz gemacht. Voller Vorfreude auf das folgende Morrissey-Konzert hangeln wir uns durch den Bereich hinter der Orangenen Bühne am Bierstand vorbei wieder zur Arena. Auch hier herrscht großes Gedränge, als Moz schließlich die Bühne betritt. Anfänglich werden die Songs des aktuellen Werkes wie "The First Of The Gang To Die" noch überschwenglich bejubelt, scheint es doch nur eine Frage der Zeit, bis das wohlbekannte Hit-Repertoire vom Meister angestimmt wird. Stattdessen wechselt dieser lieber seine durchgeschwitzten Hemden. Nun gut, diese Eitelkeiten wird er wohl nicht mehr ablegen, aber dafür sind seine dandyhafte Ausstrahlung und dieses blumenverwelkende Timbre in der Stimme noch immer präsent. Es werden automatisch Erinnerungen an die Zeit der Trennung von der ersten Teenager-Liebe wachgerufen. Daher muss man bei "There Is A Light That Never Goes Out" oder "Every Day Is Like Sunday" schon einmal schlucken. Doch leider folgt danach wieder der Schritt in die Gegenwart. Es wird heuete abend weder "Panic" oder "Ask" noch "Interesting Drug" oder "The Last Of The Famous International Playboys" mehr geben. Dafür erbarmt sich die Band als einzige Zugabe "Irish Bood, English Heart" zum Besten zu geben. Nach einer Stunde hinterlässt man nichts als fragende Gesichter. Wahrscheinlich die ganz große Enttäuschung dieses Jahres. Und als sei das alles noch nicht genug, kotzt mir auch noch ein besoffener Däne beim anschließenden Frustbier vor die Füße.
Der Sonntag beginnt nicht völlig unerwartet mit Regen. Eigentlich haben wir keine Lust mehr, noch vier Stunden auf The Von Bondies, Broken Social Scene, Franz Ferdinand und Muse zu warten. Wir packen unsere nassen Sachen zusammen und erreichen pünktlich zum Endspiel der EM die Heimat.
Julia Spönemann/ Carsten Scheef