Roskilde-Revisited

Ein wenig seltsam war uns zu Mute, als wir nach fünf Jahren wieder beim Roskilde Festival aufliefen. Hatte sich das Wetter zum Besseren gewendet (denn wann gab es zuletzt schon vier Tage Sonnenschein am Stück?), war die neue Namensgebung der Bühnen eher gewöhnungsbedürftig. Die einfache Farbenlehre wurde durch abstrakte Bezeichnungen wie "Arena", "Odeon" oder "Pavillion" ersetzt, was die Orientierung zunächst erschwerte. Musikalisch wurde mit Metallica und Iron Maiden das alte Rock 'n' Roll Schwein aus dem Stall gelassen. Daneben versuchten Coldplay, Massive Attack und Björk dem guten Wetter mit mäßigem Erfolg zu trotzen. Doch es gab wieder einmal reichlich Schätze auszugraben, herzliche Skandinavier und Sonne im Haar, so dass es nur weniger Öle bedurfte, um unsere Unsicherheit auszuräumen:

Unsere Top Ten - Einzelbesprechung siehe unten
The Polyphonic Spree
Dave Gahan
Doves
The Raveonettes
The Delgados
Cato Salsa Experience
Blur
Brendan Benson
The Thrills
Radio 4

Top Ten in Order of Appearance

Donnerstag, 26. Juni

The Polyphonic Spree: Der Star ist die Mannschaft

Der Name The Polyphonic Spree (die vielstimmige/-klingende Versammlung) ist Programm, wenn die engelsgleich in weiße Roben gekleidete Hippie-Kommune aus Texas die Bühne stürmt. Die 25-köpfige "Choral Symphonic Pop Band" bringt es auf eine vollständige Rhythmusgruppe, je einen Satz Bläser wie Streicher und einen elfstimmigen Chor. Mögen die Anmutung, der Groove und die Harmonien von der Gospelfraktion entliehen sein, so stammen die feinen Melodien doch aus dem Flower-Power-Pop der späten Sechziger. Das wilde Geschüttel aller zur Verfügung stehenden Tangenten, freier Instrumente und Lockenmähnen brachte dem Festival einen euphorischen Auftakt: "And the Rest is Good!"

Dave Gahan: Music for the Masses

Zeitgleich mit Metallica aufzutreten erschien als eine ziemlich undankbare Aufgabe, doch glücklicherweise waren ausreichend Depeche Mode Fans gekommen, um die Arena zu füllen. Dave Gahan sollte keinen enttäuschen. Nach 20 Jahren im Geschäft ist er "still black" und versteht es zu rocken. Wirklich bemerkenswert war aber der neue Pop-Appeal, den die DM-Kollegen nicht mittragen wollten. Die elektronischen Spielereien traten in den Hintergrund, als er die Songs seiner Solo-Platte perfekt mit den alten Hits in Harmonie brachte. Besonders brilliant gelang dieses bei "Walking In My Shoes", dass tiefe Einblicke in die neue Selbstreflexion brachte. Zur seelischen Offenheit schlug Gahan das Publikum mit seinem entblößten Körper in den Bann. Die stolze Pose steht ihm auch mit seinen 40+ noch. Sei es Hedonismus oder reiner Reflex - es ist die ganz große Show, wenn "Policy Of Truth", "Enjoy The Silence" und ein ironischer Ausflug zum ersten Hit "Just Can't Get Enough" kunstvoll verflochten werden. Die Massen sangen jede Zeile begeistert mit und auch nach dem Ende des Konzerts noch ewig weiter.

Freitag, 27. Juni

Doves: Catch The Sun

Die Doves, eher an Manchsters verregnete Tage gewöhnt, wurden von der Festival-Leitung mit einem 16.00 Uhr-Termin bestraft. Die geschmackvollen schwarz-weiß Projektionen, die ausgetüftelten Sound-Spielereien der Liveumsetzung und letztlich auch die Stimmung fielen dem einfallenden Sonnenlicht zum Opfer. Zwar wurden "There Goes The Fear" und "Pounding" frenetisch gefeiert, aber eigentlich standen diesmal mit "Last Broadcast" sowie "The Cedar Room" andere Songs im Mittelpunkt, als endlich einmal große Spielfreude die ansonsten vorrangige Reproduktion der Albumversionen übertraf. Eine gewohnt solide Vorstellung war es trotzdem - nächstes mal aber bitte wieder im Kellerclub oder unter dem Sternenzelt.

The Raveonettes: Danish Candy

Fette Nebelschwaden verhüllten die Arena, als Sharin Foo und Sune Rose Wagner, mit Psyched Up Janis bereits mehrmals in Roskilde am Start, samt Band die Bühne betraten. Ohne eine Ansage wurden sämtliche Songs der abgefeierten "Whip It On" EP zum Besten gegeben. Dazu stellte man fünf Stücke vom kommenden Album vor, deren Sound dem frühen Werk von Jesus And Mary Chain noch deutlich näher steht als bisher. Und auch in Sachen Feedbackorgien und Lautstärke konnte man den Reid Brüdern locker die Stirn bieten. Nach einer dreiviertel Stunde verschwand die Band im Dunkeln mit der Gewissheit, den Beweis erbracht zu haben, dass ein guter Song manchmal nur zweieinhalb Minuten braucht.

The Delgados: Songs from Northern Britain

Schottlands Beitrag zum diesjährigen Festival gab sich gewohnt unprätentiös. Die nach Aussen getragene Zurückhaltung der Band erwies sich jedoch schnell als Wolf im Schafspelz, als man bei den Songs der letzten drei Alben "Hate", "The Great Eastern" sowie "Peloton" die Streicher durch immer mächtigere Gitarrenwände mehr und mehr in den Hintergrund drängte. Alun Woodwards relaxtes Lächeln übertrug sich schnell auf alle Anwesenden. Während man dezent auf den freien Blick von der Bühne auf das Urinal nebenan hinwies, versuchte Emma Pollock einige Zeit vergeblich, die mitgebrachte Bierflasche zu öffnen, bis ihr schließlich vor "All You Need Is Hate" ein Ordner zur Hife kam. Eines jener charmanten Konzerte, derer es eigentlich mehr bedürfte.

Cato Salsa Experience: Rock 'n' Roll will never dead

Während sich 70 000 Leute bei Coldplay langweilten, hatten wir im Pavillion eine Cato Salsa Experience. Der Name führt reichlich in die Irre, denn mit Gewürzketchup oder Latino-Hüftschwung hat diese norwegische Band überhaupt nichts am Hut. Es handelt sich um ein Wortspiel aus Sänger Cato, der nordischen Sportlegende Cato Sals und Jimi Hendrix' "Experience", John Spencer Blues Explosion etc. Womit wir auch schon mitten im Thema wären: durchgeknallter, lustiger, furztrockener Südstaaten Rock. Keine schwarzen Kutten, keine weißen Gesichter - Norwegen kann auch anders! In den letzten Jahren hat sich in Oslo ein bunter Untergrund entwickelt, der die Live Shows der Band schon seit längerem lautstark feiert. Auch dieses Konzert hielt, was der Albumtitel verspricht: "A Good Tip For A Good Time".

Sonnabend, 28. Juni

Blur: Die Damon-Albarn-Show

Irgendwie war es ja schon vor dem Konzert klar, dass Damon nicht wieder die Lichtmasten der Orange Stage besteigen würde, zu gesetzt wirkte der gute Mann in den letzten Jahren. Und als er dann im Nadelstreifenanzug auf die Bühne kam, mutete dieses nicht nur aufgrund seiner medialen Omnipräsens zu zeitgenössischen Konflikten an, als sei er endgültig aus Bonos Schatten herausgetreten. Die mitgebrachten Freunde von Afel Bocoum aus Mali, der Gospelchor und sein Engagement für "Free Music" zeugten von seiner politischen Mission. Das Bemühen um Seriosität und ein Hauch von Ernsthaftigkeit waren bei allen Songs zu spüren, und so wirkten "Song 2" oder "Girls & Boys" eher wie lästiges Beiwerk.

1. Ambulance
2. Beetlebum
3. Girls & Boys
4. Badhead
5. Gene By Gene
6. For Tomorrow
7. Sweet Song
8. Maroccan Peoples Revolutionary Bowls Club
9. Tender
10. Caravan
11. Out Of Time
12. Crazy Beat
13. Brothers & Sisters
14. To The End
15. Song 2
16. Trimm Trabb
17. Battery In Your Leg
--------------------------- 18. Popscene
19. On The Way To The Club
20. We've Got A File On You
21. This Is A Low

Sonntag, 29. Juni

Brendan Benson: Er fürchtet weder Tod noch Teufel

Wie kann man am frühen Morgen nur schon so gut gelaunt sein? Brendan Benson lässt sich nicht einmal den Tag vermiesen, wenn "Satan is performing on the other stage!" Stattdessen weckte er sein Publikum zunächst mit klassischem Singer-Songwriter-Tun. Klingt eher zum Einschlafen? Nicht wenn man in Ben Folds-Manier Energie, Melodie und pointierte Texte verwirbelt. Und als der Staub sich legte, fragte der schmalschultrige junge Mann aus Detroit: "I'm Brendan, what's your name?". Ohne eine Antwort abzuwarten, sprang das vollständige Bandensemble auf die Bühne und rockte das Zelt erst richtig. Jeder Gedanke an Beck wurde dadurch weggeblasen. Brendan Benson schießt schneller als sein Schatten - und keiner kann behaupten, er sei nicht gewarnt gewesen.

The Thrills: Weitgereist

"Unsere Eltern denken, wir wären nach Schottland in den Urlaub gefahren, weil sie nicht wollen, dass wir in einer Band spielen", gesteht Sänger Conor Deasy. Leider wird das Glastonbury Festival aber von der BBC in jedes noch so entlegene irische Wohnzimmer übertragen, so dass es dann doch mächtig Ärger mit Muttern gab. Glücklicherweise hatten die Jungs es aber schon bis nach Roskilde geschafft, um weitere Bühnenerfahrung zu sammeln. Zunächst noch schüchtern, beeindruckte die Band bald mit dem herauragenden Songwriting ihres in Kürze erscheinenden Debutalbums "So Much For The City". Mit dem "the-Hype" haben die Iren nichts zu tun, stattdessen reisten sie für ein halbes Jahr ins Kalifornien der Siebziger Jahre. Nun orgelt sich das Quintett von Santa Cruz nach San Diego - im unverbesserlichen Jirji-Nemec-Look. Aufgrund anhaltender Glücksgefühle im Publikum gab es die Single "Big Sur" zum Abschluss entschuldigend ein zweites Mal. Entspannter kann man einen Sonntag nicht verbringen. Wenn die Eltern es erlauben, wird es nicht der letzte gewesen sein!

Radio 4: Batman und Robin

Die fünf ganz in schwarz gekleideten Jungs aus New York hatten mit dem gleichen Problem zu kämpfen wie zuvor bereits die Doves, denn auf ihrem Album "Gotham" stoßen sie tief in die dunkle Seele ihrer Heimatstadt New York vor, und ein Sonntagnachmittag kann diesem Anliegen nicht wirklich gerecht werden. Doch die Band schien sich daran nicht zu stören, sondern rockte knallhart nach vorne los. Und irgendwie gelang es ihnen, die Intensität ihrer Musik auf das Publikum zu übertragen. War zunächst lediglich bedächtiges Kopfnicken angesagt, geriet die Menge spätestens bei "Dance To The Underground" oder "New Disco" dann schließlich völlig aus dem Häuschen und war kurz davor, alle "Crowd Surfing"-Verbote zu ignorieren. Hut ab dafür nach fast vier Tagen Party!

Natürlich blieben mit Interpol, The Datsuns, Yo La Tengo oder Mew leider auch wieder einige tolle Bands aufgrund von ungünstigen Zeitplänen oder Entspannungsphasen auf der Strecke. Dafür gerieten die Auftritte von den Cardigans oder de la Soul irgendwie aus der Spur und hinterließen große Enttäuschung. Beeindruckend und eine gewisse Faszination des Grauens ausübend dagegen Eighties Matchbox B-Line Disaster mit der Lautstärke eines Düsenjägers sowie Murderdolls mit herausragenden Songtiteln wie "She Was A Teenage Zombie (and very gorgeous of course)". Nächstes Jahr sind wir auf jeden wieder mit dabei.

Julia Spönemann/Carsten Scheef


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