Die normannischen Tahiti Quatre-Vingt verkörpern zusammen mit den Parisern Phoenix die Crème des französischen Außenhandels in Sachen Gitarrenmusik. Angesichts des über weite Strecken hermetisch geschlossenen Kulturbetriebs der Grande Nation sowie massiver Sprachbarrieren grenzt es jedesmal an ein Wunder, wenn sich ein Projekt anschickt, über den Landesgrenzen hinaus den anglophil dominierten Musikmarkt zu erobern. Wenn es dennoch beiden Bands gelungen ist, im Mutterland der Popmusik und darüber hinaus Fuß zu fassen, liegt das unter anderem an der Tatsache, dass sie zunächst einmal gar nicht französisch klingen.
Wen wundert es daher, wenn alle beide von Beginn an Schwierigkeiten mit dem Musikgeschmack ihrer Landsleute hatten. Der Weg zur Anerkennung führte sowohl Phoenix als auch Tahiti 80 ins Ausland. Während erstere die englische Lifestylepresse für sich gewinnen konnten, erklommen letztere kurzerhand die japanischen Hitparaden. Mittlerweile, so scheint es, hat man auch in Frankreich begriffen, was man ihnen hat. Zumal beide Bands, zwischen denen im übrigen keinerlei Kontakt besteht, einen für Gitarrenbands unüblichen Ansatz pflegen: sie denken vom Beat her. Ihre Produktionen sind fast durchweg tanzflächentauglich. Was die Umsetzung dieses Gedankens anbelangt, liegt man allerdings auseinander. Während der Phoenix'sche Stilmix vorwiegend in den 80er Jahren beheimatet ist, tendiert das Quartett um Xavier Boyer zum opulent instrumentierten Discopop der 70er. So offenbart die Gegenüberstellung beider Bands einen Gegensatz von Extrovertiertheit und Weichzeichnerei. Letztere paart sich im Falle Tahiti 80s mit einem Hang zum Perfektionismus, der allseits offene Türen einrennt. Wer würde nicht gern mit Persönlichkeiten wie Andy Chase, Lee Mathews oder Richard Hewson zusammenarbeiten?
Parallel zum langfristig einsetzenden Erfolg des Debütalbums "Puzzle" haben Tahiti 80 viel Zeit in ihrem Rouener "local de répétition" verbracht und dementsprechend ambitionierte Vorstellungen entwickelt, wie der Nachfolger zu klingen habe. Dabei kam es natürlich zu wiederholten Griffen in die Plattenkiste. Doch anstatt den Sound der Vorbilder zu kopieren, zog man es vor, letztere persönlich in das Projekt einzubinden. Das Konzept ist aufgegangen. Wie man Richard Hewson für Streicherarrangements gewinnt? Man ruft ihn an. So einfach ist das - manchmal. Auf diese Weise entwickelten sich die Aufnahmen für "Wallpaper For The Soul" jedoch recht bald zu einem internationalen Projekt mit Stationen in New York und London. Der letzte Schliff wurde der Platte dann allerdings in einem normannischen Fischerdorf namens Étretat verpasst, dessen zerklüftete Kreidefelsen noch immer ein beliebtes Motiv impressionistischer Malerei darstellen.
Angesichts der Vielzahl der beteiligten Personen und der ständigen Reiserei - "1000 Times" wurde z.B. in Rouen aufgenommen, das Schlagzeug in New York neu eingespielt, die Streicher kamen in London hinzu und fertiggestellt wurde das Stück schließlich in Étretat -, ist Tahiti 80 mit "Wallpaper For The Soul" dabei ein äußerst homogenes Album gelungen, das mit "Get Yourself Together", "Soul Deep" und "The Train" eine handvoll Sommerhits enthält und den subtilen Einsatz digitaler Studiotechnik ("Fun Fair"; "Don't Look Below") spielerisch integriert. Doch hat man sich in punkto Erfolg nicht nur hierzulande vermutlich etwas mehr versprochen. So wird auch die deutsche Plattenfirma nicht müde, auf dem Superstardom der vier in Japan zu sowie das Register der an der Produktion beteiligten herumzureiten.
Nur zu gern würde man die asiatischen Verhältnisse auf den europäischen Markt übertragen. Dabei hat man vermutlich übersehen, dass die vier Multiinsttrumetalisten nicht wirklich dem beschworenen Starprofil entsprechen. Zwar haben sich Tahiti 80 in den vergangenen Jahren ausschließlich aufs Musikmachen verlegt. Darüber hinaus bleiben sie jedoch unscheinbar. Gesten und Imponiergehabe wird man bei ihnen vergeblich suchen. Das können Phoenix besser. Hierzulande können sie sich sogar auf ihren Konzerten gar unerkannt unters Publikum mischen. Und für ein Telefoninterview gibt Xavier auch schon mal seine Pariser Privatummer raus. So etwas geht selbstverständlich nicht überall. Letzten Sommer erzählte er mir, wie ein japanisches Mädchen bei seinem Anblick auf offener Straße einen Schwächeanfall erlitten habe. Er hat sich zu Tode erschrocken.
Xaviers Lieblings-B-Seite: The Las "Freedom Song" ("There She Goes")
Aktuelles Album: "Wallpaper For The Soul" (Atmosphériques/Virgin)
Lars Schneider