Nicht nur einfach Rockmusik
"Das Album heißt ‚Hinter All Diesen Fenstern', produziert von Swen Meyer und Tomte, vier Monate waren wir im Studio", auswendigt Thees Uhlmann müde zur Begrüßung. Tomte befinden sich gerade in einem dieser Container, in denen Rockbands vor Auftritten aufbewahrt werden. Heute: München, das dritte Konzert der ‚Hinter All Diesen Fenstern' - Tour. Nachdem es Fenster vor allem in Städten in großer Anzahl gibt, liegt die Frage nahe, ob das Album ähnlich urban sein würde, wie ‚Sonnige Nacht'.
Ständige Wiederholung
Timo: Stadt oder Dorf, das können wir nicht mehr so pauschal unterscheiden - das Landleben in Stade haben wir schon erfolgreich verdrängt.
Thees: Wir haben ja auch alles getan, um es zu vergessen. Nun sind wir eben eine Hamburger Band, aber speziell urban? Ne... .
Aber speziell Hamburg?
Timo: Wir machen Musik in Hamburg und deshalb ist Hamburg an uns unserem Leben am meisten dran. Das Studio ist außerdem in der Nähe unserer Wohnungen, wir entkommen unserem Viertel also nicht, schon gar nicht unserer Stadt.
Thees: Woran man uns sonst als Hamburger Band erkennt? Am Outfit, vielleicht. An der Musik sowieso. Hamburg ist ne Stadt der Rockmusik. Außerdem bezeichnen wir uns als Band. Also können wir nicht aus Berlin sein. Berliner haben ja immer ‚Projekte'.
Dennis: Die Musik von ‚Hinter All Diesen Fenstern' ist weiter von Hamburg weg, als die von ‚Sonnige Nacht'. Andererseits gibt es in Hamburg ja noch mehr etablierte Bands und da ergibt sich dann schon eine gewisse Soundvorstellung.
Mit dem Begriff Hamburger Schule sollte man ihnen aber nicht kommen.
Timo: Das ist Schubladendenken. Kann sein, dass manche Leute das brauchen. Die reflektieren die Musik eben nicht und brauchen dann irgendeinen Oberbegriff.
Tomte darf, nein muss reflektiert werden
Timo: Wir haben schon eine Aussage, denke ich. Aber um das für sich herauszufinden, muss man zuhören. Dumme Leute hören nicht zu. Dabei wollen wir ihnen Dinge erzählen...
Viele Dinge. Über Thees, über die Menschen, über die Liebe zur Musik, die Liebe zu den Tönen.
Thees: Ich habe bei den Texten auf der neuen Platte ‚Hinter All Diesen Fenstern' mehr über andere Menschen nachgedacht. Für die Leute da draußen sehe ich allerdings mehr Lichtblicke, als für mich... Da ist eben diese Dunkle Seite, die mich interessiert. ‚Schreit Den Namen meiner Mutter' ist so ein Lied, das ist sehr aus meinem Leben gegriffen. Ich hab halt dieses Leben, diese Existenz, in der nicht immer alles so lustig ist. Da ist bisweilen diese verzweifelte Lebensfreude, die sich auch in der Musik von Tomte findet. Du gehst aus, weißt nicht, wie und wann du nach Hause kommen wirst, aber du möchtest eben zumindest ein paar Stunden glücklich sein. "Geh ich einfach mit den Leuten, die denken, dass ich sie verdiene, oder geh ich einfach wie ein langer Tag - viel zu spät (aus "Schreit Den Namen Meiner Mutter")".
Um ein paar Stunden glücklich zu sein, sind auch all die Leute aufs Konzert gekommen. Sie vereint die gemeinsame Identifikation mit einer Band, die beides hat, die Schläue und das normale ‚In die Kneipe gehen". Die verzweifelte Lebensfreude, die dunkle Seite, die Nächte in denen man stirbt... . "Und all die Dinge, die erscheinen heute Nacht wo wir hier sind. Du sagtest, ‚weißt du, wie man einfach verschwindet, wie gut die Zeit mit dir verrinnt, die uns bleibt bis wir gehen. Lass mich vor dir sterben"(Aus "Schreit Den Namen Meiner Mutter"). Tomte sind nicht ihre Helden. Sondern Artgenossen.
Thees: Wir sind wie die. Nur sind wir eben mal auf die Bühne gegangen. Aber die Medien bauen da eine künstliche Autorität von Rockmusikern auf, die nicht sein soll. Wir wollen nicht diese ungefährliche Rockmusik, oben auf dem Podest. Wir wollen nicht dieses gelangweilte "Igitt, am Wochenende müssen wir für unsere dummen Fans noch Konzerte geben". Wir machen doch Musik für die Leute und machen Rockmusik, die sie mitreißen soll. Geistig, körperlich, alles. Konfrontation und Kommunikation. Rockmusik wird nicht mehr gelebt, sie ist verwaltet geworden. Die Leute denken, dass Musiker toll sind, nur weil Dinge über sie in der Zeitung stehen oder weil sie im Fernsehen sind. So entsteht Distanz. Da kann man mit diesen 15jährigen Kidpunks mehr Spaß haben, als mit den Hitmusikern.
Dass man in mir den Thees von Tomte sieht stört mich nicht. Ich bin doch der Thees von Tomte. Das ist das Einzige, was ich mache, wofür ich lebe... . Du weißt dich, wie das ist, wenn du immer nur dieses eine sein wirst, du weißt doch.In Berlin hat mich ein Mädchen gefragt, ob man zu Tomte tanzen darf. Natürlich darf man. Mitsingen, tanzen, hüpfen. Innerhalb der Spielregeln....
Thees: Tomte ist für mich die Definition von Eigenverantwortung. Mach was du magst. Es gibt aber auf Konzerten eben gewisse Grenzen, die man respektieren muss. So' ne Dummhaftigkeit, das ist ätzend, blöde Sprüche und so. Da sag ich dann schon mal, "Du bist hier nicht auf'm Scheißkonzert, von ner Scheißband".
Thees: Ich glaube, es gibt auf Konzerten einen gewissen Konsens, ein Gefühl, ein Vibe. Vielleicht täusche ich mich und bilde mich das nur ein, aber ich empfinde das so. Was meinst du? Du weißt doch was ich meine, oder? Du verstehst doch? Sag doch mal... .